Kölner Stadt-Anzeiger, 05/2008
13. Mai 2008
Dschungelcamp für Schauspieler
Humor kann man lernen, sagt Regisseur Dani Levy und beweist das in einem Workshop
Die Banane bereitet Probleme. „Guck mal, ob du sie ein bisschen tiefer ansetzen kannst“, rät Regisseur Dani Levy und wirft einen kritischen Blick auf die Beule unter der Bettdecke. Der Schauspieler soll eine Erektion vortäuschen - er liegt als Patient in einem Krankenhausbett. Die Darsteller um ihn herum kichern, und Dani Levy lacht selbst noch, als die Szene zum achten Mal gedreht wird. Humor ist Programm bei diesem Workshop der ifs internationalen filmschule köln: „Komödie spielen - Leben spielen“. Leiter Dani Levy ist dafür ausgewiesener Experte. Seine Komödie „Alles auf Zucker“ gewann bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises 2005 sechs Lolas, und im vergangenen Jahr lief sein viel diskutierter Film „Mein Führer - Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ mit Helge Schneider in den deutschen Kinos.
Ein Name wie der von Dani Levy zieht. Zwölf Schauspieler nehmen an dem Workshop teil, beworben haben sich „mindestens zehnmal so viel“, erzählt der Regisseur. Drei Tage lang haben sie jetzt Zeit, einen kurzen Film zu drehen - das Buch hat ihnen Dani Levy nach dem ersten Kennenlernen noch nachts auf den Leib geschrieben: Eine ziemlich deftige Komödie, über erotische Verwicklungen und Verwirrungen.
Die durchschriebene Nacht merkt man Levy nicht an. Geschäftig springt er zwischen dem Set und seinem Monitor hin und her, versucht den Schauspielern ein Gefühl für ihre Figuren zu vermitteln. „Spiel das kleiner, nimm dich mehr zurück!“ ist ein Satz, den sie an diesem Tag öfter von ihm hören. Levy mag keinen Klamauk, keinen Hau-drauf-Humor: „Die Leute sehnen sich nach einer Art von Komödie, die die menschliche Psyche ernst nimmt“, sagt er. Deswegen sei Komödie auch ein guter Lehrstoff: „Ich bin überzeugt, dass Humor erlernbar ist.“
Seine Schüler sind das offensichtlich auch. Obwohl Levy den Kumpeltyp in Jeans und T-Shirt gibt, spürt man ihren Respekt. Diejenigen, die gerade keine Rolle spielen, sitzen auf dem Boden und saugen jedes seiner Worte auf. Corinna Nilson gehört dazu - sie ist erst am Nachmittag gefragt, wenn ihr Part als Familientherapeutin gedreht wird. „Sein Humor und meiner sind sehr ähnlich“, antwortet sie auf die Frage, warum sie drei Tage und 450 Euro in die Ausbildung bei Levy investiert. Und gerade bei Humor und Komik sei es ihr wichtig, Neues auszuprobieren „und nicht immer im gleichen Fahrwasser zu bleiben“.
Die 37-Jährige stand schon als Oberstufenschülerin auf der Bühne - heute spielt sie hauptsächlich in Fernsehfilmen und -serien. Dazwischen liegt ein Studium der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften und eine Ausbildung an der „European Film Actor School“ in Zürich. „Ich komme aus Essen und durfte dort schon während des Gymnasiums am Schauspielhaus spielen“, erzählt sie: „Von da an wollte ich Schauspielerin werden.“ Weil sie aber Angst hatte, davon nicht leben zu können, studierte Corinna Nilson erst mal etwas „Anständiges“, bevor sie sich an der Schauspielschule bewarb. Doch inzwischen gehört sie zu den wenigen, die sich mit Rollen am Theater und im Fernsehen über Wasser halten können. „Von den zehn Leuten aus meiner Schauspielklasse sind gerade mal zwei übrig geblieben, die heute noch drehen“, erzählt sie. Trotzdem sollte jeder, der davon träumt, als Schauspieler zu arbeiten, es auch versuchen, findet Corinna Nilson: „Sonst sagt man sein Leben lang: »Ach, ich wollte ja auch eigentlich immer Schauspielerin werden«.“
Eine Schauspielschule sei dafür ein guter Weg, sagt Nilson. Sie habe dort ein breites Repertoire gelernt: „Wie spiele ich Krimis, Komödien? Was unterscheidet Serien, Stadttheater, Fernsehspielfilm?“ Davon profitiere sie heute - im Gegensatz zu vielen Autodidakten. Denn die hätten zwar oft ein Talent in einem speziellen Bereich, seien darauf dann aber auch ihre ganze Karriere lang festgelegt. „Es ist nicht einfach, übrig zu bleiben“, sagt Nilson nüchtern: „Da ist es immer gut, wenn man möglichst viel anbieten kann.“ Sie betrachtet sich als „eigene kleine Firma“, die sich um Aquise kümmern und über Jahre hinweg einen Kundenstamm aufbauen muss.
Anders als Corinna Nilson hat sich Dani Levy das Schauspielen selber beigebracht und hält überhaupt nichts von einer schulischen Ausbildung: „Schauspielschulen können viel kaputt machen“, sagt er: „Sie können die Schüler zu konformen, gehorsamen, eingeschüchterten Würstchen erziehen, die in jeder Filmfabrik einsetzbar sind.“ Er habe sich das bewusst erspart, so Levy - genauso wie er auch nie eine Schule für Regisseure besucht habe. Ein Workshop sei etwas anderes, eine „tolle schauspielerische Anarchie“. Auch für ihn seien die drei Tage an der Internationalen Filmschule eine „Fahrt ins Ungewisse“ sagt der Regisseur: „Wir sind hier quasi ein Dschungelcamp für Schauspieler.“
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