Kölner Stadt-Anzeiger, 12/2008
2. Dezember 2008
Mit der Kamera auf Spurensuche
Mit der Kamera auf Spurensuche
Filmschulen aus Israel, Polen und Deutschland haben sich für ein Projekt zusammengetan
von Kerstin Meier
Studenten und Absolventen aus Warschau, Jerusalem und Köln drehten sieben Dokumentarfilme in gemischten Teams. Seit Dezember 2007 arbeiten sie gemeinsam an dem Projekt „A Triangle Dialogue“. Nun haben sich alle Beteiligten ein letztes Mal in Köln getroffen.
„Darüber musst du einen Film drehen“ - das hat Yael Reuvenys Mutter immer wieder gesagt, seit sich ihre Tochter an der „Sam Spiegel Film & Television School“ in Jerusalem eingeschrieben hatte. Die Geschichte von Feivke, der zu Peter wurde - das sei doch ein spannendes Thema! Es ist die Geschichte von Yaels Großmutter, die nach dem Zweiten Weltkrieg vergeblich nach ihrem Bruder suchte. Die Geschichte eines Mannes, den die Nazis in einem Konzentrationslager in einer kleinen Stadt in Brandenburg gefangen hielten, und der nach dem Krieg einfach dort wohnen blieb, wo seine Peiniger lebten. Aus „Feivke Schwartz“ wurde „Peter Schwartz“. So verwischten sich seine Spuren.
Mehr als fünfzig Jahre später ist Yael Reuveny den Spuren von Feivke Schwartz nachgegangen. Es sind Spuren, die von Polen nach Deutschland und von Deutschland nach Israel führen. Drei Länder, die durch eine gemeinsame Geschichte eng verbunden sind. Yaels Film passt deswegen perfekt in das Projekt "A Triangle Dialogue". Drei Filmschulen - die Sam Spiegel Film & Television School aus Jerusalem, die Andrzej Wajda Master School of Film Directing aus Warschau und die ifs internationale filmschule köln - haben sich dafür zusammengetan. Seit Dezember 2007 arbeiten sie gemeinsam an dem Projekt, nun haben sie sich ein letztes Mal in Köln getroffen. Sieben Dokumentarfilme á 30 Minuten sind insgesamt entstanden, alle sind inzwischen beinahe fertig. Die Teams arbeiten nur noch am Feinschliff und nutzten die Gelegenheit zu abschließenden Diskussionen. Die drei interessantesten Arbeiten werden dann zu einem Film zusammengefasst, der von Arte und dem WDR koproduziert wird.
Pawel Ferdek, einer der polnischen Absolventen, hat einen Film namens „Beautiful Misunderstanding“ (Schönes Missverständnis) gedreht. Darin erzählt er die Geschichte einer Polin, eines Deutschen und einer Israelitin, die sich in Jerusalem treffen, um ein Tanzprojekt für den Frieden zu gestalten.
Felix Hassenfratz von der Kölner ifs hat sich für seinen Film „Sagan / Zagan“ zusammen mit seinem Vater auf den Weg nach Schlesien gemacht, um nach den Wurzeln seiner Familie zu suchen.
Und Yael Reuveny hat sich an die Worte ihrer Mutter über die Geschichte ihres Großonkels Feivke erinnert, als sie von dem Projekt hörte: „Darüber musst du einen Film drehen!“ Das hat die 28-Jährige nun also getan - obwohl sie zu Beginn skeptisch war. Sie wollte keinen typischen Holocaust-Film drehen, auf keinen Fall sentimental werden. Bevor sie anfing zu drehen, hat sie deswegen einen Entschluss gefasst: „Ich wollte nicht nach alten Nazis suchen, sondern nach etwas, das mich überrascht.“
Diese Offenheit hat Yael Reuveny bei vielen Deutschen vermisst: „Wenn ich hier erzählt habe, dass ich in Brandenburg drehe, hieß es oft: »Oh Gott, da wohnen doch nur Nazis!« Ich habe dort aber nette und offene Leute getroffen.“
Yael Reuveny hat als einzige Israelitin an ihrem Film „Tales of the Defeated“ („Geschichten über die Abgelehnten“) gearbeitet - Produzentin, Cutterin und Kameramann sind Deutsche und sprangen auch als Übersetzer ein. „Jeder hat seinen eigenen, klar abgegrenzten Arbeitsbereich und mischt sich auch nicht in deinen ein - selbst, wenn du ihn darum bittest“, erzählt Yael von der Zusammenarbeit mit ihrem deutschen Team. Besonders am Anfang der Dreharbeiten habe sie sich deswegen einsam gefühlt.
Inzwischen versteht sie sich so gut mit allen, dass sie mit demselben Team weiterarbeiten will. Denn obwohl das „Triangle Dialogue“-Projekt dem Ende zugeht, ist das Thema für Yael Reuveny noch lange nicht abgeschlossen. Die Geschichte von Feivke Schwartz, der zu Peter Schwartz wurde, uferte während der Dreharbeiten immer weiter aus. Viel zu viel für 30 Minuten. Und um es einfach wegzuwerfen, war ihr das restliche Material zu wertvoll. „Wir planen, noch einen Film in Polen zu drehen, eine breitere Version derselben Geschichte“, sagt Yael: „Ich sehe unsere Dokumentation als einen ersten Schritt für ein größeres Projekt.“
zurück