www.derwesten.de, 05/2010
3. Mai 2010
Wotan Wilke Möhring hat als Hooligan ein "Heimspiel"
Ein Ethik-Lehrer, der sich jedes Wochenende die Knöchel blutig prügelt: Darum geht’s im Kurzfilm „Heimspiel“, der bei den Kurzfilmtagen im NRW-Wettbewerb läuft. Wotan Wilke Möhring spielt den Hooligan-Pädagogen - und erklärt im Interview, warum er diese Sorte Gewalt für okay hält.
Unter der Woche versucht Andreas Vossen, seinen Schülern etwas über Moral beizubringen, am Samstag schlägt er Menschen bewusstlos. Von Montag bis Freitag ist Vossen Ethik-Lehrer, am Wochenende ist er Hooligan. Schauspieler Wotan Wilke Möhring gibt den Mann mit den zwei Gesichtern in „Heimspiel“: Mit dem Kurzfilm hat Regisseurin Bogdana Vera Lorenz ihr Studium an der ifs internationale filmschule köln abgeschlossen und gleich den Preis der deutschen Filmkritik für den besten deutschen Kurzfilm 2009 gewonnen. Im NRW-Wettbewerb der 56. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen konkurriert er mit sechs anderen Arbeiten, und im Interview erklärt Wotan Wilke Möhring, warum er verabredetes Sich-Verprügeln für „voll okay“ hält.
Wie kommt es, dass Sie in einem Kurzfilm mitspielen?
Wotan Wilke Möhring: Das mach’ ich schon gerne. Es geht immer um das Buch und die Herausforderung und nicht um das Geld. Geld kann man woanders verdienen. Bei den normalen Produktionen fehlt oft der Mut, die Redakteure haben Angst um ihre Quoten, oder denen sitzt eine andere Angst im Nacken - man weiß gar nicht, woher die kommt. Diese Angst ist oft auch bei Projekten von Hochschulen zu finden, was ich sehr erschreckend finde.
Das Buch zu „Heimspiel“, der Mut und der Elan, mit dem Bogdana da ‘ranging – das war was Besonderes. Mal ganz abgesehen vom Inhalt, der für einen Schauspieler eine Herausforderung ist: die Spanne zwischen Ethik-Lehrer und jemand, der Druck ablässt am Wochenende. Das kriegt man nicht alle Tage angeboten.
Können Sie das nachvollziehen, dass jemand Druck so abbaut wie der Lehrer in „Heimspiel“?
Möhring: Ich kenne Leute, die das gemacht haben. Das ist so ein bisschen in die Stadien hereingezerrt worden, hat aber oft mit Fußball nichts zu tun. Man will ja unter sich sein: Die treffen sich auf Wiesen oder irgendwelchen Äckern – aber natürlich muss die Polizei, sobald sie davon Wind kriegt, einschreiten. Das Phänomen ist international verbreitet, aus England gibt es tolle Filme darüber. Und das ist bei uns – vielleicht nicht so stark in der Bundesliga, aber in den unteren Klassen – durchaus vorhanden.
So lange die Jungs weg sind von der Straße, oder so lange sie sich gegenseitig Gewalt antun in einem ausgewogenen Verhältnis – das ist ja ,Auge um Auge’ – ist das voll okay. Sobald da Waffen und unschuldige Menschen miteinbezogen werden, die da nichts mit zu tun haben wollen, dann ist das nicht mehr richtig.
Das ist okay?
Möhring: Was heißt okay? Der eine macht S/M, der eine holt sich seine Thrills beim Bungee-Jumping, der eine stopft nachts Tiere aus – keine Ahnung... Da möchte ich mich nicht in die Leben der anderen einmischen. Wenn jemand ein Ventil findet, ist das schon besser, als wenn er wartet, bis das Ventil Columbine-mäßig so explodiert, dass da Leute bei draufgehen.
In den ersten paar Minuten im Film fällt es vielen schon schwer, hinzugucken – so realistisch wirkt die Gewalt. Fällt es Ihnen schwer, so was zu spielen?
Möhring: Nein. Das ist – man muss es jetzt einfach mal entmystifizieren – wenn man es filmisch umsetzt, viel technischer, viel langatmiger. Wir haben uns schon bemüht, das hart und kurz und trocken aussehen zu lassen, nicht wie diese Kneipenschlägereien, die man so kennt aus schlechten Filmen, wo man den Schlag schon im Ansatz sieht.
Es sieht schon sehr ehrlich aus.
Möhring: Ja, wir haben unser Bestes gegeben. Das ist auch die Kampferfahrung dieser ganzen Jungs. Das waren ja nicht irgendwelche Laien, die waren sich durchaus bewusst, was sie da machten, und das hat natürlich sehr viel geholfen.
Natürlich macht man mit so einem ersten Bild eine Tür auf für die Geschichte. Man hätte auch umgekehrt anfangen können, aber so macht man richtig ‘ne Tür auf. Das find’ ich gut. Diesen Film kann man fast nicht still erzählen, deswegen war es gut, gleich ein Zeichen zu setzen.
Woher stammt die Idee zum Film?
Bogdana Vera Lorenz: Die Idee stammt ursprünglich von René Schumacher (Autor des Drehbuchs, Anm. d. Red.), der in seinem Jura-Studium von Kommilitonen immer wieder gehört hat, wie sie am Wochenende Leute ,in die Bordsteinkante haben beißen lassen’. Das hat er als Anregung für eine Kurzgeschichte genommen, die uns – meinen Produzenten Max Permantier und mich – wirklich fasziniert hat. Dann haben wir daraus gemeinsam unseren Abschlussfilm an der ifs, der internationalen filmschule köln entwickelt. Und relativ bald, nachdem der Stoff klar war, konnten wir auch Wotan für diese Rolle gewinnen.
Wie reagiert das Publikum?
Lorenz: Wir hatten sehr viele verschiedene Reaktionen. Die Leute sind ganz oft erstmal schockiert und dann aber fasziniert, weil sie in das Leben eines Menschen hineingucken können, den sie sonst nie von innen kennenlernen würden.
Uns war es wichtig den Lehrer wirklich glaubwürdig zu erzählen. Aus ihm kein Monster zu machen, von dem man sich einfach so distanzieren kann. Das war neben der Qualität der Kämpfe, in die wir mit unserem Stuntkoordinator Ramazan Bulut und allen Kämpfern viel Kraft gesteckt haben, das Wichtigste. Dass wir einen Menschen erzählen, wo jemand sogar sagen kann, ,eigentlich versteh’ ich den. Ich kann ihn nicht verurteilen’.
Haben Sie bei der Recherche mit Leuten gesprochen, die so ihre Freizeit verbringen?
Lorenz: Ja, durchaus. Und dazu gibt es auch viel Material, das man lesen kann. Aber mir ging’s, seit René Schumacher mir diese Geschichte erzählt hat, darum, ein Gefühl für diese Szene zu bekommen – deswegen habe ich das Gespräch gesucht und auch gefunden. Und ich wollte wissen, ob das wirklich stimmt mit den Akademikern in der Szene. Und es stimmt.
Möhring: Es ist in seiner archaischen Ausübung wirklich so, dass da auch schlaue Menschen dabei sind. Diese brachiale Gewalt, das ist so was Urwüchsiges, so was Uraltes, dass es den einen oder anderen anzieht, sich da zu messen, gerade aus der intellektuellen Welt. Da muss man sich wirklich zeigen, da ist kein Internet, da ist keine Plattform, da ist nichts dazwischen. Da ist keiner, der einen beschützt.
Es geht da – ich glorifiziere das jetzt etwas – auf eine Art „gerecht“ zu. Aber alles halb so wild – denn nachher wird oft noch zusammen ein Bier getrunken. Das ist eine Form des Abreagierens. Es gibt heute keine Schlacht mehr, in die man zieht, außer mit dem Bürokoffer – um das Geld nach Hause zu bringen. Das Schwert der Neuzeit ist der Bürokoffer, oder der Laptop. Und das ist eben für manchen nicht genug, im Sinne von: Wir sind auch körperliche Wesen. Wir gehen auf Toilette, wir essen... und irgendwo muss dieses Körperliche hin. Manche finden das einfach in der direkten Begegnung, auch mit Angst, mit Schrecken, mit Schmerz.
Sie scheinen einen guten Zugang zu haben zu dem Thema.
Möhring: Natürlich habe ich mich damit beschäftigt – und jeder Mensch ist auch ein physischer Mensch. Das heißt nicht, dass ich Problemlösung physisch angehe, überhaupt nicht, aber letztlich nützt das ganze Gerede nichts wenn Dich jemand angreift. Aber wenn man selber mal in eine solche Situation gerät, merkt man, wo wir stehen: nackt und bloß auf diesem Planeten.
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