Bendocchi-Alves im Interview „Im Kino hört man ja auch mit den Augen“

Max Hubacher im preisgekrönten Film „Der Hauptmann“|Foto:Verleih/ifs

 

Herr Bendocchi-Alves, Sie bekommen an diesem Samstag in Sevilla gemeinsam mit Martin Steyer den Europäischen Filmpreis für das Sounddesign zu Robert Schwentkes Kinofilm „Der Hauptmann“ verliehen. Worin bestand die besondere Anforderung bei diesem Film?

Professor André Bendocchi-Alves: Es gibt tatsächlich eine große Besonderheit beim „Hauptmann“: Das ist kein Film!

Wie das?

Kein Film im herkömmlichen Sinn zumindest. Er spielt im Zweiten Weltkrieg, man weiß nicht genau, wo. Für meine Begriffe ist er eine Mischung aus Theater und Literatur, deshalb sollte man nicht versuchen, ihm eine realistische Atmosphäre zu verleihen. Es geht vielmehr um eine gewisse Abstraktion: Der Film spielt mehr im Kopf des Zuschauers und weniger auf der Leinwand.

Wie übersetzen Sie das in Ihre Arbeit als Sounddesigner?

Statt Realismus haben wir versucht, durch tonale Elemente das Theatralisch-Abstrakte des Films zu unterstützen. Wobei die Musik nicht das Storytelling bedient, sondern die Reflexion des Zuschauers befördert.

Was umfasst der Begriff Sounddesign?

Sounddesign ist alles, was man hört. Und was man nicht hört. Das ist sogar manchmal viel schwerer zu bestimmen, was man nicht hört. Es gibt verschiedene Ebenen: Die erste ist der Dialog – der Dialog ist immer der Magnet, der ins Bild zieht. Wenn er schwer zu verstehen ist, ist man raus, ganz einfach. Wenn der Ton schlecht ist, ist auch der Schauspieler schlecht – weil er nicht wirkt. Aber wie gestaltet man den Dialog? Durch Räumlichkeit, oder ganz nah am Ohr? Das ist dramaturgisch ein riesiger Unterschied.

Beim „Hauptmann“ ist wohl Letzteres der Fall.

Der Dialog ist ganz nah, wie ein Hörbuch. Hinzu kommen die Geräusche, die dann denselben Charakter besitzen müssen. Die sind im „Hauptmann“ etwas übertrieben, teilweise zu laut – wie auf einer Bühne eben. Aber Lärm kann jeder Depp machen, das Problem ist die Stille, und auch sie spielt im „Hauptmann“ eine wichtige Rolle. Der Zuschauer hört sie, ohne sie zu hören. Aber wie weit kann man sie reduzieren, dazu noch in einem Schwarz-Weiß-Film: Im Kino hört man ja auch mit den Augen.

Wie verlief Ihr eigener Weg zum Film? Kommen Sie vom Bild, oder vom Ton?

Vom Bild. Als ich nach Deutschland kam, habe ich Dokumentarfilme geschnitten. Dann bekam ich 1991 die Chance, bei Carl Schenkels „Knight Moves“ mit Ton zu arbeiten – das war der erste komplett digital geschnittene Film. Dafür habe ich den Ton gemacht, wobei es für mich aber keinen Unterschied zwischen Bild und Ton gibt.

Apropos: Wäre es für Ihre Studenten an der Internationalen Filmschule gut, wenn sie noch einmal analog schneiden müssten, also Filmmaterial?

Nein. Wenn man fahren lernt, muss man ja auch nicht in eine Kutsche steigen.

Aber sie sollten beides beherrschen, Ton und Bild.

In unserem Studio hier an der Internationalen Filmschule haben wir immer beides. Technisch ist klar, warum man Bildschnitt und Sound trennt, aber die Studenten müssen beides verstehen. Film ist Forschung! Er spricht auf allen Ebenen stark die Emotion an, aber ich muss formulieren können, wie er das schafft. Deshalb muss ich einen Begriff von allen Gewerken besitzen.

Sie haben auch den Ton zu „Revolution of Sound: Tangerine Dream“ gemacht, also für einen Dokumentarfilm über Musiker. Da sollte man meinen, dass doch schon alles da ist?

Da wollte ich vor allem ein Gefühl für die Zeit bekommen. Bei der Mischung bin ich noch nie in meinem Leben so auf Rot gegangen wie hier, volle Power, bis die Boxen vibrierten – so war die Zeit. Der Produzent hatte schon Angst, dass ich übertreibe.

Teilen Sie den Eindruck, dass der Sound in vielen Kinos hierzulande nicht gut ist?

Der Sound ist selten gut. Da haben die Amerikaner viel höhere Standards als wir.

Und wie ist es mit dem Sound beim Drehen?

Die Qualität eines Mikrofons garantiert noch keinen guten Ton, und Sie können auch mit der besten Acht-Spur-Maschine einen miserablen Sound produzieren. Nein, nein, die Position eines Mikrofons muss stimmen, der Tonmeister muss am besten auswendig wissen, wer redet, was passiert.

Was ist für Sie der größte Unterschied zwischen Stummfilm und Tonfilm?

Es gibt ihn nicht. Es gibt für jedes Bild einen Ton – im Kopf.

Welche Filme sollten Ihre Studenten unbedingt kennen, um das Soundrepertoire in seiner Fülle zu erfassen?

Sergej Eisenstein natürlich, die Filme der Nouvelle Vague, Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“. Aber wir schauen auch Aktuelles: Wenn die Filme des Deutschen Filmpreises gezeigt werden, gehe ich mit den Studenten ins Kino. Man muss auch ein Gefühl für unsere Gegenwart bekommen: Wo stehen wir, was wird in deutschen Kinos gezeigt? Hinzu kommt, dass die Studenten durch die digitalen Medien so viele Bilder sehen wie keine Generation zuvor – sie sind sehr viel vertrauter mit Bildern, doch das bedeutet nicht unbedingt, dass sie auch etwas von Dramaturgie verstehen.

Zur Person

André Bendocchi-Alves ist gebürtiger Brasilianer und lebt seit 1987 in Deutschland. Als Filmeditor und Sounddesigner arbeitete er an Filmen wie „Der Totmacher“ und „Schneeland“ mit. Für „Der Hauptmann“ bekommt er nach dem Deutschen nun auch den Europäischen Filmpreis. Bendocchi-Alves ist seit 2009 Professor für Editing Bild&Ton an der Internationalen Filmschule, ifs, Köln.

Der Europäische Filmpreis wird seit 1988 von der Europäischen Filmakademie verliehen. Marie Bäumer ist für ihre Darstellung von Romy Schneider in „Drei Tage in Quiberon“ nominiert. In die Kategorie Bester Film schaffte es in diesem Jahr kein deutscher Beitrag. Hier sind unter anderen „Cold War“ von Pawel Pawlikowski und Matteo Garrones „Dogman“ nominiert.

von Frank Olbert