Bilder mit Textur – Sarina Laudam in der Film & TV Kamera

DoP Sarina Laudam kombiniert bei „Jackfruit“ Bolex H16 und ARRI ALEXA Mini

Von Bernd Siering (Film & TV Kamera, 22.05.2020)

DoP und ifs-Studentin Sarina Laudam auf dem Cover von Film & TV Kamera ©

Für die 23-jährige Mít ist ein Leben zwischen zwei Welten nichts Neues. Wie durch Knopfdruck kann sie ihre Identität zwischen der traditionsbewussten, vietnamesischen Tochter und der selbstbestimmten, lesbischen Berlinerin umschalten. Beim wöchentlichen Abendessen in der Wohnung ihrer Großmutter Roan wird sie in typisch vietnamesischer Manier nach ihrem Liebesleben ausgefragt. Ihre 48-jährige Mutter Mai hingegen, eine geschiedene Managerin, legt mehr Wert auf ein erfolgreich abgeschlossenes Studium als auf einen ordentlichen Ehemann für ihre Tochter. So oder so – Mít kann keines von beidem vorweisen. Stattdessen trifft sie sich mit der gleichaltrigen Lara. „Jackfruit“, die gemeinsame Abschlussarbeit von Regisseurin Thùy Trang Nguyn und Kamerafrau Sarina Laudam an der ifs – internationale filmschule köln erzählt eine Familiengeschichte unter dem besonderen Blickwinkel von Migration und sexueller Orientierung. Das Projekt entstand zwar vor dem Hintergrund eigener Erfahrung: „Aber ,Jackfruit‘ ist nicht nur für mich als lesbische Einwanderer-Tochter relevant. Tatsächlich betreffen die Fragen ,Woher kommen wir?‘ und ,Wohin gehen wir?‘ uns alle“, so die Regisseurin Thùy Trang Nguyen.

DAS ANALOGE HERZ
Kamerafrau Sarina Laudam kam über die Fotografie zum Film. „Ich wollte tatsächlich Fotografin werden und habe ganz früh angefangen, analog zu fotografieren und das auch im Schulpraktikum entwickelt. Nach dem Abitur war ich im Ausland und habe dort weiter fotografiert und es trug sich so mit mir herum, das auch beruflich zu machen.“ Zunächst jedoch studierte Sarina Laudam Kommunikationsdesign und landete über ein damit verbundenes Praktikum bei einem Kölner Lokalsender, wo sich ein dreieinhalbjähriges Volontariat anschloss. Sie lernte alles, was sich anbot: Kamera, Schnitt, Bildregie, Liveaufzeichnungen. Als dann der Sendebetrieb eingestellt wurde, war ihre Entscheidung gefallen. „Ich habe durch die Set-Praktika ziemlich schnell gemerkt: Ich habe Bock auf Kamera! Das ist, was ich machen will. Ich will auch da vorne sein, Bilder gestalten, nicht nur die Klappe schlagen“, erinnert sich Sarina Laudam.
Es folgte der Bachelor-Studiengang Film an der ifs, währenddessen sie ein Auslandssemester an der FAMU (Film and TV School of the Academy of Performing Arts) in Prag einlegte. Dort drehte sie drei Projekte auf 16-mm- Film und assistierte bei einem 35-mm-Projekt. Die Arbeit mit Analogfilm kam ihr sehr entgegen. „Es ist heute immer noch so: für mich ist das Analoge das Herz des Ganzen. Die Leidenschaft für Analogfilm habe ich seit meinen Anfängen in der Fotografie immer mit mir getragen. Ich habe jetzt schon sechs Kurzfilme auf 16 mm gedreht.“ Auch der Abschlussfilm „Jackfruit“ sollte teilweise auf 16-mm-Film entstehen. „Ich finde, der Look und die Materialität beim Analogfilm haben eine Einzigartigkeit, die man in der digitalen Postproduktion gar nicht wiederherstellen oder reproduzieren kann. Und mit dem Argument konnte ich dann überzeugen, das wir auch einen Teil auf 16-mm-Film drehen, den ich dann auch selbst entwickeln würde.“ Dazu benutzte sie zwei russische LOMO-Tanks, die an der KHM in Köln zur Verfügung standen. „Ich habe das zusammen mit Fabian Martin Anger, meinem Kollegen von der KHM gemacht. Ich hatte zwar vorher schon selbst entwickelt, zu Hause und in der Dunkelkammer, das war Foto-Material und und Kodak Vision-3-Film – aber noch nie 30 Meter. An den LOMO-Tanks, haben wir das Material zusammen aufgewickelt. Es gibt dann zwei Ebenen von jeweils 15 Metern. Dann läuft es wie in einer Tageslicht-Dose: oben kommt oben die Chemie rein und dann wird gedreht und wieder ausgespült. Für den Scan habe ich Kyrill Ahlvers von der Firma Silbersalz kontaktiert und konnte ihren Da-Vinci-Scanner benutzen.“

EIN ANDERER BLICK
„Jackfruit“ beginnt mit Makro-Aufnahmen der gleichnamigen Frucht, die DoP Laudam mit Hilfe einer Laowa-Boroskop-Optik sowie einem Retro-Adapter für das PLMountder ARRI ALEXA Mini realisierte. „Damit konnten wir durch die Früchte und die verschiedenen Flüssigkeiten hindurchfahren. Die Idee war dann, von dieser makroskopische Ebene in die Sexszene zu gehen, die danach folgen sollte. Diese Makro-Aufnahmen sind sehr sexualisierte Bilder“, erläutert Sarina Laudam. Für die danach folgende Sequenz hatte sie in ihrem visuellen Konzept den Dreh auf Analogfilm vorgesehen. Die Bolex H16 samt Objektiven konnte sie sich von Hajo Schomerus, ihrem ifs-Dozenten für non-fiktionale Kamera ausleihen. Ihre inhaltliche Inspiration kam aber aus künstlerischen Experimenten von vor über 50 Jahren. „Ich habe analogen Film für die Sexszene gewählt, weil wir uns die Materialität in der avantgardistischen Filmkultur der 1970er Jahre angesehen haben“, so Sarina Laudam. „Carolee Schneemann hat sich zum Beispiel mit der Bolex selber beim Sex mit ihrem Freund gefilmt, das Material selber entwickelt und dann vergraben, so dass durch die Mikroorganismen im Boden mit dem Film etwas nicht planbares geschehen würde. Das Material pulsiert richtig, so, wie es wirklich auch bei dem eigentlichen Akt ist. Das Gefühl transportiert sich also über das Material. Das fanden wir wahnsinnig spannend und deshalb haben wir das speziell für die Sexszene gewählt, weil eine so eine Szene, vor allem
zwischen zwei Frauen, oftmals durch den männlichen Blick gezeigt wird. Man hört immer wieder, wie Schauspielerinnen am Set falsch behandelt werden, dass ihre Intimsphäre nicht beachtet oder überschritten wird. Und wenn das so ist, dann sitzen oft Männer hinter der Kamera oder am Regiemonitor. Wir als Frauen haben einen ganz anderen Blick darauf – das ist unsere Überzeugung. Und wir haben auch einen anderen Blick, wie man das zeigt und inszeniert. Da wird nicht irgendwie herumgebumst, sondern das hat etwas mit Zärtlichkeit und Sinnlichkeit zu tun. Wir wollten das aber nicht nur von den Schauspielerinnen sehen, sondern auch durch den Look, die Bilder und da besonders die Textur und Materialität zeigen. Das war uns ganz wichtig.“

POV MIT BOLEX H16
Dabei legte die der Kamerafrau auch Wert darauf, die Bolex H16 als Handkamera einzusetzen. „Wir wollten keinen Blick einer dritten Person zeigen, die beim Sex von zwei anderen Menschen zusieht, sondern wir haben hier viel mit POVs gearbeitet, so dass ich mit der Handkamera sozusagen zur Partnerin wurde“, erklärt Sarina Laudam. „Ich hatte drei Objektive an der Bolex und habe in diesen Szenen aber sehr wenig weitwinklig, sondern nah und mit Tele gedreht.“ Die technische Beschränkung der Bolex H16, die mit Federwerk maximal 30 Sekunden aufzeichnen kann, war kein Hindernis, sondern gestalterische Unterstützung beim Dreh. „Wir haben genau das für die Inszenierung und den Schutz der Intimsphäre der Schauspielerinnen genutzt. Denn so konnten wir sicherstellen, dass die Sexszene wie eine technische Choreografie ist und die Länge der intimen Berührungen zwischen den Schauspielerinnen nicht überschritten wurden.“ Blieb die Frage, wie der Unterschied in Qualität und Anmutung zwischen dem Material der Bolex H16 und der ARRI ALEXA Mini zu handhaben sei, ohne dass die beiden Technologiewelten den Film sprengen würde. „Darüber haben wir lange gegrübelt“, sagt Kamerafrau Laudam. „Wir haben das letztlich mit dem Einstieg in den Film über die sehr stilisierten Makroaufnahmen gelöst, auf die unmittelbar die 16-mm-Szenen folgten. Da gab es also ohnehin schon einen Break, nach dem wir halt möglichst sanft wieder zurück in das digitale Material kommen mussten. Deshalb habe ich beim digitalen Material darauf geachtet, dass es dafür verträglich war. Ich habe beispielsweise mit den Cooke S4 gedreht, die, wie ich finde, eine sehr schöne Kombination zwischen einem ganz starken Vintage-Charakter haben und trotz einer gewissen Schärfe nicht zu harsch sind. Zusätzlich habe ich noch mit einem Pro-Mist-Filter gearbeitet.“

DIVERSITÄT VOR UND HINTER DER KAMERA
Das Team von „Jackfruit“ ist mit dem Anspruch angetreten, einen Film zu machen, der das Spannungsfeld zwischen vietnamesischer Diaspora und dem queeren Berlin abbildet und an dem sich das Publikum reiben kann. „Thùy hat immer wieder beobachtet, dass in aktuellen Filmen die Darstellung von Deutschen mit einer anderen Nationalität im Hintergrund hauptsächlich immer noch von Stereotypen geprägt ist. Ich hoffe, dass sich durch den aktuellen Wandel in der Gesellschaft und durch Filme wie unseren Abschlussfilm dieser Blick ändern wird. Denn Diversität ist wichtig und immer eine Bereicherung – ob vor oder hinter der Kamera“, sagt Sarina Laudam. „Und es gibt zu wenig Frauen an der Kamera! Das ist besonders schade, weil es einfach nicht mehr daran liegt, ob es körperlich anstrengend ist oder nicht. Da muss man sich nur mal die Alexa Mini anschauen. Daran sollte es echt nicht scheitern – und davon abgesehen: Frauen im Filmbereich sind auch keine Hungerhaken. Der Mensch der hinter der Kamera steht, muss Kreativität mitbringen, einen Blick haben, eine Originalität. Das was jeder machen kann, braucht man ja nicht. Sei es eine besondere Teamfähigkeit, eine besondere Art zu drehen, der Kameraführung, der Looks – es muss einen Grund geben, warum man diese Person an der Kamera haben möchte. Und dann sollte es egal sein, ob das Mann, Frau oder Div ist.“