Der Abgrund im Idyll

 

 

 

 

 

 

 

 

Mari Dragus (l.) und Anna Bachmann in “Verlorene”/Foto: Verleih

Man sagt Ländle. Wo zwischen oberrheinischer Tiefebene und Bodensee, Schwarzwald und Schwäbischer Alb ein grüner Ministerpräsident regiert, Mercedes Benz Wohlstand beschert und Spätzle und Maultaschen auf den Tisch kommen, dort scheint die Welt beschaulicher zu sein als anderswo. Auch die Figuren in Felix Hassenfratz’ Film „Verlorene“ wirken auf den ersten Blick wie Fleisch gewordene Diminutive, Idealbewohner des Ländles Baden-Württemberg – bescheidene, wortkarge, knorrige Urgewächse. Maria spielt Orgel in der Kirche, ihre Schwester Hannah pubertiert auf familienfreundliche Art, der alleinerziehende Vater reißt sich nach dem Tod der Mutter am Riemen, und der Zimmermann Valentin kommt in Kluft auf seiner Walz vorbei. Sie alle sprechen selbstverständlich – aber auch für Rheinländer gut zu verstehen – Mundart.

„Ich bin ja Wahl-Kölner und wurde in Heilbronn geboren, das heißt, ich komme aus der badischen Provinz“, sagt Felix Hassenfratz, der Regisseur, bei der Begegnung in einem Café an der Aachener Straße. „Ich finde diese Unmittelbarkeit spannend, die der Dialekt mit sich bringt. Reden, wie den Leuten der Schnabel gewachsen ist. Und so reden sie auch im Film: Mir war es ein großes Anliegen, weil ich mit dem Film in die eigene Heimat zurückkehre.“

In gewisser Weise ist „Verlorene“ also ein Heimatfilm, allerdings einer, der im vermeintlichen Idyll ungeahnte Abgründe aufdeckt. In der kommenden Woche kommt er regulär ins Kino, am heutigen Samstag feiert er in Köln bereits Premiere. Mit Bedacht: Köln ist nicht allein Wahlheimat des 1981 geborenen Heilbronners, an der hiesigen Internationalen Filmschule (ifs) hat Hassenfratz auch Regie studiert. „Köln ist ein idealer Standort für Leute, die sich mit Film beschäftigen wollen“, sagt er. Außer der ifs gibt es auch die Kunsthochschule für Medien, und die Filmstiftung NRW steht treu zu ihm, wie er findet: „Sie fördern meine Stoffe, obwohl am Ende klar war, dass einige davon in Süddeutschland spielen. Allerdings haben wir Szenen in NRW gedreht: Das Konservatorium im Film zum Beispiel ist die Kölner Musikhochschule.“ Dort bewirbt sich die von Maria Dragus gespielte Maria, um mit einem Musikstudium ihren Lebenstraum zu verwirklichen. Doch über der ernsten, ehrgeizigen jungen Frau liegt ein Schatten, eine dunkle Schwermut, deren Ursache Hassenfratz allmählich enthüllt: „Ich habe lange für den Film recherchiert und habe vor sechs Jahren bereits damit begonnen. Damals wurden die Missbrauchsfälle der Odenwaldschule publik, die mich sehr beschäftigt und getroffen haben. Vor allem das jahrzehntelange Schweigen der Opfer hat mich nicht losgelassen.“

Auf stille, aber ungemein intensive Weise dringt Hassenfratz zu einem Geheimnis vor, mit dem er die Sphäre des Heimatfilms dann doch verlässt und ein spannungsvolles Psychodrama entfaltet. Das Kraftzentrum des Films bildet dabei das Verhältnis der beiden Schwestern, ein wenig bieder und aus der Zeit gefallen die eine – Maria –, aufgekratzt und noch kindlich die Jüngere, die von Anna Bachmann gespielte Hannah. „Das ist im Grunde eine universelle Geschichte“, so Hassenfratz im Gespräch. „Heimat sind die Menschen, die mir am nächsten sind, und bei »Verlorene« sind das die beiden Schwestern. Da wandert gewissermaßen am Ende die Heimat selbst aus und lässt ihre Herkunft zurück.“

Eine ganz und gar eigenwillige Atmosphäre des Traditionsbehafteten, manchmal gar des Archaischen prägt den Film. Wenn die Zimmerleute konzentriert den Dachstuhl der Kirche ausbessern, wenn Maria die mächtige Orgel spielt, werden die Präzision des Handwerks und Bach’scher Kontrapunkt eins. Es ist die Mathematik der Sinne und der Körper, die Hassenfratz hier auf subtile Weise studiert.

„Als mein Film auf der Berlinale lief, haben viele die Figur des Gesellen fast schon als exotisch empfunden. Die fragten sich, ob es die Walz überhaupt noch gibt“, sagt der Regisseur. „Klar gibt es die! In meiner Jugend und auf dem Land gab es das natürlich häufiger, da waren die Wandergesellen gewohnte Erscheinungen, das gehörte zum Alltag. Ich wollte unbedingt und schon lange von einer solchen Figur erzählen.“

In den sechs Jahren, die er zur Erfüllung dieses Wunsches brauchte, hat er sich mit Aufträgen fürs Fernsehen über Wasser gehalten: „Dokumentationen, Reportagen, auch Kinderfernsehen, was sehr schön war.“ Aber im stillen Kämmerlein hat er immer sein Herzensprojekt vorangetrieben, wofür er sich unbezahlten Urlaub nahm. „Verlorene“ führt eindrucksvoll vor Augen, dass die Mühe nicht umsonst war. Von Felix Hassenfratz, so viel ist sicher, wird man weiterhin hören.

VERLOSUNG ZUR KÖLNER PREMIERE

Felix Hassenfratz wurde 1981 in Heilbronn geboren. Nach dem Abitur arbeitete er unterem anderem als Regieassistent für Romuald Karmakar („Der Totmacher“, „Warheads“). Von 2004 bis 2007 studierte Hassenfratz Filmregie an der Internationalen Filmschule Köln (ifs). Sein Abschlussfilm „Der Verdacht“ wurde mit dem Deutschen Kurzfilmpreis in der Kategorie „Bester Spielfilm“ ausgezeichnet. 2011 wurde seine Regiearbeit für die Dokureihe „Schnitzeljagd im Heiligen Land“ mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.