Die erste Regel heißt: »Au ja!«

Die Regisseurin Luise Brinkmann über ihre Arbeit, ihren Film »Beat Beat Heart« und ihre Ansprüche ans Kino.
 

FILMDIENST, 26.04.2017 | 9. Ausgabe

Beat Beat Heart, Luise Brinkmann, Mathis Hanspach, Olivia Charamsa, Maren Unterburger, ifs internationale filmschule, filmschule köln »Beat Beat Heart« © Mathis Hanspach

Ihr Herz schlägt fürs Kino, und das nicht erst seit ihrem ersten Spielfilm »Beat Beat Heart«. Im Juni 2016 konnte Luise Brinkmann dafür einen Spezialpreis auf dem Filmfest München entgegennehmen. Die Jury lobte vor allem »Ensemblegeist und Energie« ihres Abschlussfilms an der Internationalen Filmhochschule Köln (ifs), dem man sein aberwitzig niedriges Budget kaum ansieht. Am 19. April eröffnete die fesselnde Dramödie um Liebe, Lust und Enttäuschungen das »Achtung Berlin Filmfestival«, Kinostart ist der 28.4. Im Gespräch erzählt die 1985 in Nordrhein-Westfalen geborene Filmemacherin von ihrem Traumjob Regie, warum sie Drehen nach Plan langweilig und Klischees total unlustig findet.

GAB ES BEI IHNEN EINEN MOMENT, IN DEM ES KLICK GEMACHT HAT: ICH WILL REGISSEURIN WERDEN?
Brinkmann: Das kann ich nicht exakt beantworten, aber Filme waren schon immer etwas Besonderes für mich. Ich habe Peter-Alexander-Komödien und Filme wie »Tante Trude aus Buxtehude« auf VHS-Cassetten gehortet. Lustig musste es sein. Zwischendrin wurde immer wieder gesungen wie später in der Serie »Crazy Ex-Girlfriend«. Musical-Elemente würde ich gerne auch einmal in einen Film einbauen. Mit 16 hatte ich eine Videokamera und ein Schnittprogramm. Dann hörte ich, dass es einen Beruf »Mediengestaltung Bild und Ton« gibt. Krass, dachte ich, Filmemachen ist ein Job! Regie war mein Traum, aber ich habe mich erstmal als Mediengestalterin ausbilden lassen, um zu sehen, ob das Metier wirklich etwas für mich ist.

GAB ES SCHON IMMER DEN DRANG, GESCHICHTEN ZU ERZÄHLEN?
Brinkmann: Auf jeden Fall. Die Schullektüre »Wilhelm Tell« musste ich unbedingt mit Freunden verfilmen. Für ein halbes Austauschjahr in Kanada, elfte Klasse, habe ich mir extra ein College ausgesucht, in dem ich »Filmmaking« und »Animation« belegen konnte. Dort entstand der Kurzfilm »Das Leben einer Zigarettenschachtel«. Mich haben immer die Geschichten interessiert, ganz gleich, welches Thema mich beschäftigt hat, ich musste einen Film darüber machen. Liebe und Sexualität waren natürlich Thema. Zugegeben: Die Umsetzung konnte schon arg kitschig geraten.

UND DOKUMENTATIONEN?
Brinkmann: Auch. Bevor ich mein Studium an der Internationalen Filmhochschule Köln aufgenommen habe, war ich ein paar Monate in England. Dort habe ich eine intersexuelle Frau kennengelernt, die für das Adoptionsrecht intersexueller Menschen kämpfte. Ich habe sie mit der Kamera begleitet. 2014 gab es eine Gesetzesnovelle, seit drei Jahren hat sie eine Adoptivtochter.

REDEN WIR ÜBER GLEICHBERCHHTIGUNG IM FILMBUSINESS…
Brinkmann: Da ist viel zu tun. Im Studium war das Geschlechterverhältnis ausgeglichen, in meinem Semester waren wir sogar mehr Frauen als Männer. Auf Festivals, vor allem den großen, sieht es dann schon anders aus. Wirklich ernüchternd ist die Situation bei den Kinostarts. In diesem Januar liefen 62 Filme in deutschen Kinos an, nur vier davon hatten Frauen gemacht, drei dieser Filme waren Dokus, einer ein Kinderfilm. Wo sind die großen Spielfilme von Frauen? Ich unterstütze die Initiative Pro Quote Regie…

… DIE SICH FÜR FILMFÖRDERUNGSGREMIEN EINSETZT, IN DENEN GLEICH VIEL MÄNNER UND FRAUEN ENTSCHEIDEN SOWIE EINE QUOTE BEI DER VERGABE VON REGIEAUFTRÄGEN. DIE STRUKTUREN SIND DAS EINE, SEXISMUS IM BERUF DAS ANDERE: HABENSIE DAS SCHON ERLEBT?
Brinkmann: Wenig, aber vor dem Dreh von »Beat Beat Heart« wurde kritisiert, das sei ein Frauenfilm, es müssten mehr Männerfiguren hinein oder: »Bei dir kommen ja die Männer schlecht weg!« Was nun überhaupt nicht stimmt. Ich glaube, ich habe einfach angefangen, Geschlechterklischees zu hinterfragen. Als ich bei der Web-Serie »Emmas Welt« Regie geführt habe, war das noch anders, da haben wir ziemlich viele Witze auf Kosten der Hauptfigur gerissen, die man schon aus dem Mainstream-Kino kennt.

TAUSCHEN SIE SICH MIT ERFAHRENEN REGISSEURINNEN AUS?
Brinkmann: Auf jeden Fall, mit Isabell Suba etwa, Hanna Doose oder Anna Kohlschütter, man tauscht sich aus und unterstützt sich gegenseitig. Aber auch männliche Kollegen stärken einem den Rücken. Doch was die Regie-Professoren an der Kölner Hochschule angeht, gab es einen ziemlichen Männerüberschuss. Es war inspirierend, Regisseurinnen kennenzulernen, beispielsweise Sherry Hor-mann, die einem allein durch ihre Art und Klarheit gezeigt hat, wie man durchsetzt, was man will. Es fängt ja mit der Körpersprache an, die muss klar und bestimmt sein. Von der Rolle der Regisseurin einmal abgesehen: Ich verstehe mich manchmal selbst nicht, wenn ich im Alltag in so eine Mädchenrolle zurückfalle. Wie unnötig!

SIND SIE EINE FEMINISTIN?
Brinkmann: Wie Sie es nennen, ist mir egal. Es geht einfach um Gerechtigkeit. Und ich hasse Vorurteile, auch in Filmen. Kennen Sie den französischen Film »Monsieur Claude und seine Töchter«? Da ist jede Szene randvoll mit Klischees über andere Kulturen. Der Film wurde allgemein gefeiert, ich fand ihn überhaupt nicht lustig. Filme sind Fiktion, schon klar, aber man muss auch die Realität abbilden, finde ich. Fantasy zum Beispiel liegt mir überhaupt nicht.

DOKUMENTARISCH ARBEITEN WÄRE DAS ANDERE EXTREM.
Brinkmann: Was ich daran mag, ist die Lebendigkeit, nicht zu wissen, was als nächstes um die Ecke kommt. Ich nehme das gerne mit in die fiktionale Arbeit, da ich gerne mit Improvisation arbeite. Für »Beat Beat Heart« hatte ich mir vorgenommen, den ganzen Film hindurch zu improvisieren.

WIE, GANZ OHNE BUCH?
Brinkmann: Nein, das natürlich nicht, ich habe alles gut vorbereitet. Die Vorlage habe ich »Handbuch« genannt, darin habe ich auf 30 Seiten jede Figur und jede Szene beschrieben. Zum Beispiel: »In dieser Szene wird die Tochter von ihrer Mutter überrascht, hat aber eigentlich gar keine Lust auf sie.« Da stand immer nur, was passiert, aber nicht, wie es passiert. Dialoge fehlten ganz, das haben die Schauspieler weitgehend vor Ort erfunden. Zehn Zeilen standen pro Sequenz im Handbuch, getippt und ausgedruckt und bei der Filmförderung eingereicht. Wir haben aber kein Geld bekommen. »Beat Beat Heart« war ja mein Abschlussfilm, es gab aber nur die üblichen 12.000 Euro Kurzfilmbudget von der Hochschule. Meine Editorin und ich haben noch unsere Verwandten angebettelt, sodass wir 16.000 Euro für den Dreh hatten. In der Postproduktion haben wir uns dann noch einmal 6.000 Euro leihen müssen. Das hieß: Sparen, wo es geht, den Film in drei Wochen und mit einem kleinen Team drehen und inklusive der Schauspieler alle umsonst arbeiten lassen.

»Leute, sage ich immer, es gibt gute deutsche Filme, es muss doch nicht immer amerikanisches Kino sein.«

ÖKONOMIE WAR WOHL AUCH DER GRUND FÜR DIE LOCATION? »BEAT BEAT HEARTt« SPIELT IN EINEM ALTEN HAUS IN DER UCKERMARK, IM DORF UND IM ANGRENZENDEN WALD.
Brinkmann: Ja. Eine Szene am Ende des Films spielt auf einem Dorffest, das tatsächlich stattfand. Einerseits war es die Rettung: Laut Script sollte Kerstin, die Hauptfigur, einen Theatersaal in der Villa am Schluss fertig renoviert haben. Aber dafür hatten wir überhaupt kein Geld. Daher das Finale auf dem Fest, das ziemlich schwer zu drehen war. Weil drum herum echt gefeiert wurde, konnte ich die Schauspieler über Kopfhörer gar nicht mehr hören. Am Ende des chaotischen Drehtags hatte ich das Gefühl, nichts Brauchbares im Kasten zu haben, was Gott sei dank ein Irrtum war. Was mir geholfen hat, war die Erfahrung im Improvisationstheater – allein zweieinhalb Jahre in Berlin. Da lautet die erste Regel: »Au ja«, die zweite heißt: »Scheitere heiter«. Statt zu fluchen: »Mist, wir kriegen den Saal nicht renoviert«, sagst du dir: »Auf einem echten Fest zu drehen ist doch viel besser!« Die Wahl der Location hatte aber nicht nur ökonomische Gründe. Ich wollte der »Generation Beziehungsunfähig« den Spiegel vorhalten. Auf Dating-Apps tauschen sich Leute über ihre sexuellen Vorlieben aus, bevor sie sich überhaupt kennenlernen. Ich wollte herauskriegen, wie Liebe in Zeiten sozialer Netzwerke funktionieren kann. Also habe ich in meiner Geschichte ganz verschiedene Leute an einem abgeschiedenen Ort zusammentreffen lassen.

SIE ZÄHLEN ZUR GENERATION DER »DIGITAL NATIVES«, DER MEDIEN-CRACKS. DOCH NICHT EIN ABGEFILMTES DISPLAY IST IN »BEAT BEAT HEART« ZU SEHEN.
Brinkmann: Ich wollte unbedingt vermeiden, Bildschirme abzufilmen. Ich hasse das: SMS-Einblendungen in Filmen. Ich mochte, wie Baran bo Odar in »Who am I« das Darknet in U-Bahn-Schächte versetzt hat. Kerstins Mutter Charlotte probiert zum ersten Mal eine Dating-Plattform aus. Wir haben das einfach im Wald inszeniert: Vor den Bäumen stehen die Männer, die zur Auswahl stehen. Das ist auch ein Bild für die Qual der Wahl: Charlotte sieht den Wald vor lauter Bäumen – ergo: Männern – nicht mehr.

WIE HABEN SIE DIE PREMIERE VON »BEAT BEAT HEART« AUF DEM FILMFEST MÜNCHEN ERLEBT?
Brinkmann: Es war unbeschreiblich. Die Vorstellung war ausverkauft, die Leute saßen teilweise auf den Treppen. Es war ein besonderes Glück, den Film in München zu zeigen, denn auf dem Filmfest ein Jahr zuvor hatte ich Saskia Vester für die Rolle der Mutter gewinnen können. Saskia, die als arrivierte Film- und Fernsehschauspielerin meistens mit vorgeschriebenen Dialogen arbeiten muss, hatte damals gleich zugesagt, weil sie die Improvisation reizte.

»Am schlimmsten ist der Gedanke, dass Leute Kinofilme auf ihren Smartphones anschauen. Das ist doch auch den Filmemachern gegenüber ungerecht.«

WIE WICHTIG IST TEAMFÄHIGKEIT?
Brinkmann: Extrem wichtig. Man muss natürlich die richtigen Leute finden. Mit Maren Unterburger habe ich im Studium »meine« Editorin gefunden. Manche Passagen in »Beat Beat Heart«, die mich selbst eher nervten, habe ich ihr zuliebe drin gelassen. Das Premierenpublikum reagierte dann positiv, und heute lache ich in diesen Momenten oft selbst am lautesten. Man muss sich überraschen lassen. Ich bin auch so froh, dass ich mit Mathis Hanspach einen Kameramann habe, der ähnlich tickt wie ich. Synergie macht alles besser und größer.

KINO IST HEUTE SELTENER ALS FRÜHER EIN GEMEINSCHAFTSERLEBNIS, WIE FINDEN SIE DAS?
Brinkmann: Sehr schade, weil ich am liebsten Filme in Kinos gucke. Die aber werden immer leerer. Meine Eltern, Cousinen, Freunde schauen Filme teilweise nur noch auf Bildschirmen und erledigen andere Dinge dabei, Bügeln oder sonst was. Am schlimmsten ist der Gedanke, dass Leute Kinofilme auf ihren Smartphones anschauen. Das ist doch auch den Filmemachern gegenüber ungerecht. Außer natürlich der Film wurde explizit fürs Handy gedreht.

WAS FÜR FILME HABEN SIE INSPIRIERT?
Brinkmann: »Kriegerin« fand ich super, und Mumblecore-Filme wie »Love Steaks« oder »Ich fühl mich Disco«. »Die Fremde« war großartig, ebenso »Vivere«, »Verfolgt«, »Fremde Haut« von Angelina Maccarone. Leute, sage ich immer, es gibt gute deutsche Filme, es muss doch nicht immer amerikanisches Kino sein. Ob das deutsche Kino sein Potenzial ausgeschöpft hat, dass da generell noch viel Luft nach oben ist, ist eine andere Frage.

FINDEN SIE, DASS FILMEMACHEN IN DEUTSCHLAND GENÜGEND GEFÖRDERT WIRD?
Brinkmann: Da fehlt mir die Erfahrung. Dass wir für »Beat Beat Heart« nicht staatlich unterstützt wurden, war einerseits bitter, andererseits – Stichwort »Au ja« – hat es der Improvisation gut getan. Und ich muss auch sagen: Gerade wegen des knappen Budgets bin ich mit vielen im Business ins Gespräch gekommen, bis hinauf zu Constantin Film, wo mein Film diskutiert wurde. Wenig Geld, aber viele Kontakte. Eine Tür schließt sich, viele andere öffnen sich, diesen Eindruck habe ich bekommen.

WAS KOMMT JETZT?
Brinkmann: Zurzeit brüte ich über dem nächsten Spielfilm, bei dem ich wieder improvisatorisch arbeiten möchte. Das Konzept dafür schreibe ich gerade mit meiner Co-Autorin Elena Hell. Einen Produzenten gibt es auch schon, Busse & Halberschmidt aus Köln. Inhaltlich möchte ich noch nicht zu viel verraten. Nur so viel: Ich führe die Geschichte von »Beat Beat Heart« mit neuen Figuren weiter – aber hoffentlich mit einigen Schauspielern, die ich jetzt kenne. Die Story dreht sich unter anderem um den Liebesgott Amor, der unter den Menschen wandelt. Als er seinen Job aus Liebeskummer an den Nagel hängt, bringt das die Welt ziemlich aus dem Takt.

IST LIEBE MÖGLICH?
Brinkmann: Generell? Natürlich! Mir geht es in meinen Filmen aber eher darum, auf heutige Verhältnisse aufmerksam zu machen. Dass sich die Leute nicht mehr anschauen, sondern lieber auf ihre Handys starren. Im Restaurant siehst du Pärchen, die Foodies und Selfies schießen, aber kaum noch miteinander sprechen. Die Bedeutung des Zwischenmenschlichen schrumpft, auch in Familien, überall. Ich liebe die Menschen und hoffe, dass ich mit meinen Geschichten »Good Vibrations« aussenden kann.

Weblinks:
www.luisebrinkmann.de
www.beatbeatheart.com

das Gespräch führte Jens Hinrichsen