Eine Herzensangelegenheit zwischen Autowracks und Metall

Marienheide – Seit Ende Februar wird in Kotthausen ein Film gedreht – Die Hauptdarsteller sind zwei Kinder und der Schrottplatz der Bender Entsorgungsgesellschaft.

Von Lars Weber (Oberberg Aktuell, 08.03.2020)

Die Besitzer des Schrottplatzes von Marienheide Martin Maiworm und Torsten Mecklenburg mit der ifs-Filmcrew von »Du hast viele Teile, aber kein Herz« und den beiden Schauspieler*innen Gavrilo Arnautovic und Julia Kovacs.

„Alles auf Anfang!“, ruft die Regisseurin Niva Ehrlich. Kamera und Ton machen sich bereit. Dann fällt die nächste Klappe. Kalle, gespielt von Gavrilo Arnautovic, rennt hinter die Schranke am Eingang des Schrottplatzes in der Gimborner Straße, verfolgt von Lina, dargestellt von Julia Kovacs. Lina braucht die Hilfe von Kalle. Denn: Das herzkranke Mädchen möchte nicht das Organ eines toten Kindes als Spende annehmen, sondern sich stattdessen ein eigenes Herz bauen. In ihrer Verzweiflung sucht sie deshalb den Schrottplatz auf. Sie redet auf Kalle, den Sohn des Besitzers, ein. Das Geld für die Teile hat sie mitgebracht und legt es auf die Schranke. Die Kamera ist dabei nah dran an den jungen Darstellern. Letztlich lässt sich Kalle darauf ein. „Um sechs musst du aber weg sein, dann kommt mein Papa wieder!“ Überglücklich duckt sich Lina unter der Schranke durch und läuft auf den Schrottplatz. Dann ist die Szene vorbei.

Es ist der Anfang der Freundschaft zwischen Lina und Kalle in dem Kurzfilm „Du hast viele Teile, aber kein Herz“. Dieser ist der Abschlussfilm des Filmteams für das Bachelorstudium an der ifs, der internationalen Filmschule Köln. Die Idee für die Geschichte hatte mit Sandra Schröder eine ehemalige Studentin der ifs bereits vor rund einem Jahr. Seitdem hat sich aus der Idee das Drehbuch entwickelt, das Team hat Gespräche mit herzkranken Kindern, deren Eltern und Ärzten geführt, um das schwierige Thema für Kinder aufbereiten zu können. Requisiten wurden erstellt, über eine Castingagentur die beiden jungen Darsteller gefunden – und es wurde nach einem passenden Drehort gesucht, wie Zakaria Rahmani, der Produzent, bei einem Setbesuch erzählt.

Fündig wurden die jungen Filmemacher bei der Suche nach einem Schrottplatz ausgerechnet in Kotthausen. „Wir haben was Pittoreskes, etwas Malerisches gesucht“, sagt Rahmani. Da es in Köln und Düsseldorf schwierig sei, einen Platz zu finden, der auch verfügbar ist, suchte das Team deshalb auch außerhalb der Städte. Die Anfrage in Marienheide landete beim Besitzer des Schrottplatzes, Martin Maiworm, und dem Betriebsleiter Torsten Mecklenburg. Sie waren sofort offen dafür, die Studenten willkommen zu heißen, noch dazu für „ganz wenig Geld“, wie Rahmani sagt – bei einer Produktion, wo nur ein sehr kleines Budget zur Verfügung steht, kein unbedeutender Faktor.

Ausgenommene Autos stapeln sich auf dem 8000 Quadratmeter großen Gelände, etliche Reifen in riesigen Kisten, Kabel und weitere Materialien sind dort aufgetürmt. „Das ist noch ein Schrottplatz, wie man sich ihn vorstellt“, sagt Mecklenburg, der mit seinem trockenen Humor und markigen Sprüchen die Filmcrew in den Drehpausen gut unterhält, seit sie Ende Februar da ist. Da häufig am Wochenende gedreht werde, halten sich die Einschränkungen für den laufenden Betrieb in Grenzen. Sämtliche Metalle nimmt der Betrieb entgegen, die aufbereitet und an Firmen weiterverkauft werden. Dort landen sie dann in den Schmelzanlagen. Mecklenburg und Maiworm staunen über den Aufwand, der für den 20-minütigen Film betrieben wird. Maiworm hat den Betrieb vor eineinhalb Jahren gekauft. Für sie ist es der erste Dreh.

Der erste Dreh auf dem Schrottplatz ist es aber nicht. Vor einigen Jahren wurden dort schon Teile des Films „Wendy“ realisiert. Unter anderem wurde ein Pferdestall auf dem Gelände errichtet. Und auch dieses Mal wurde von den Szenenbildnern Franziska Hoh und Jan Zinn auf dem ungenutzten Dachboden einer alten Scheune extra das Versteck Kalles eingerichtet. Dort wurde ein Boden verlegt, eine Couch rangeschafft, ein alter Fernseher und allerhand Modellflugzeuge mit viel Liebe zum Detail arrangiert. Flugzeuge seien ein Hobby des „Bewachers des Schrottplatzes“ Kalle, erklären die beiden. Schrottplatzbesitzer Maiworm scherzt schon, dass der nun gemütliche Raum im Sommer sein neues Büro werden könnte. Leider werden die meist geliehenen Requisiten nach dem Dreh aber wieder zurück an die Besitzer gehen.

Julia Kovacs und Gavrilo Arnautovic, beide verfügen bereits über Dreherfahrungen, sind die einzigen Darsteller des Films. Der dritte Protagonist ist der Schrottplatz selbst. Denn er passt ideal zur Handlung des Films, wie Produzent Rahmani sagt. Auf der einen Seite stehe der Schrottplatz für Vergänglichkeit, auf der anderen Seite entsteht dort aus alten Dingen aber auch etwas Neues. So muss Lina erst dort lernen, ein Spenderherz tatsächlich anzunehmen. Und auf diesem Weg begleitet sie, nach anfänglichem Argwohn, ihr neuer Freund Kalle. „Ohne Schrottplatz keinen Film“, fasst der Student zusammen. Für das Team ist der Dreh im Oberbergischen eine tolle Abwechslung. „Es ist schön, mal aus der Filmblase Köln herauszukommen“, sagt Rahmani. Zumal sie, besonders von Maiworm und Mecklenburg, große Unterstützung aus dem Ort erfahren haben. Und selbst das typische oberbergische Wetter meint es gut mit ihnen. „Geregnet hat es meist vor oder nach dem Dreh“, sagt Rahmani mit einem Grinsen.

Bis zum 15. März wird auf dem Schrottplatz noch gedreht. Die Postproduktion, also unter anderem der Schnitt des Films, werde aber noch bis Ende August dauern. Anschließend wird das Team den Film im September zum ersten Mal Vertretern der Branche zeigen. Auch bei Kurzfilmfestivals möchten die Studenten „Du hast viele Teile, aber kein Herz“ einreichen. Aber nicht nur das: „Wir würden den Film auch gerne den Marienheidern zeigen, wenn er fertig ist. Vielleicht klappt es ja mit einer Vorführung hier“, sagt Rahmani.