Eine neue Dimension

Wie Filmemacher Videoplattformen als Karrieresprungbrett nutzen

Blickpunkt:Film, 11.01.2016

Foto: Emmas-Welt.net
Foto: Emmas-Welt.net

München – „Born to Skate“ war der Start von Sebastian Lindas Karriere als Filmemacher. Die Skateboard-Doku ist ein Roadtrip um die Welt. Eigentlich als Abschlussarbeit für das Fachgebiet Media Production entstanden, wurde der Film 2010 in zahlreichen deutschen Kinos und anschließend auf ZDF Kulturgezeigt. Aber der eigentliche Erfolg des Films begann schon früher, nachdem der Audio Visual Artist, so bezeichnet sich Linda selbst, seine Produktion auf Vimeo hochgeladen hatte. Das Videoportal mit Hauptsitz in den USA sieht sich als Alternative zu YouTube, betont jedoch Qualität und Kreativität der angebotenen Filme. Nach eigenen Angaben hat Vimeo weltweit rund 150 Mio. Nutzer (s. Kasten). Für Linda jedenfalls war es ein Glücksfall, denn viele Gleichgesinnte und Kreative fanden sofort Gefallen an seiner Arbeit, darunter auch Cine Plus. Die Postproduktionsfirma aus Berlin stieg als Koproduzent bei „Born to Skate“ ein.

Hinzu kam eine Auszeichnung von Vimeo selbst: Das „Staff Pick“-Siegel, vergeben von einer Jury aus Filmexperten und Journalisten, die jede Woche Hunderte von Videos sichten und bewerten, sorgte für einen zusätzlichen Bekanntheitsschub. „Vimeo”) bietet eine der interessantesten Möglichkeiten für junge Talente, sich einem größeren Publikum vorzustellen“, sagt Jordan Mc Garry. Sie leitet das „Staff Pick“-Team und betont die Möglichkeiten für junge Filmemacher: „Für sie war es früher kaum möglich, Eingang in das Filmbusiness zu finden, es gab zu viele Gatekeeper.“ Heute sei es interessant zu beobachten, was passiert, wenn sie und ihre Kollegen ein Video ausgewählt hätten. „Viele Filmemacher teilen uns dann mit, dass sie von der Filmindustrie kontaktiert werden.“

Das passierte auch bei der Web-Serie „High Maintenance“. Das Comedy-Format kam auf Vimeo so gut an, dass sich TV-Produzenten für das Projekt zu interessieren begannen. Das Resultat: Dieses Jahr wird eine Fernsehversion auf dem US-Bezahlsender HBO ausgestrahlt werden. „Durch die ,Staff Picks‘ sind Leute aus dem traditionellen Filmbereichen auf mich aufmerksam geworden, das hat meiner Karriere einen ziemlichen Schub gegeben“, erinnert sich auch Linda, dessen Filme auf Vimeo in diesem Jahr rund eine Mio. Mal aufgerufen wurden. Für den 31-Jährigen, der bereits zweimal für seine Arbeiten mit dem Webvideopreis geehrt wurde, ist die Internetpräsenz mittlerweile ein wichtiges Vehikel, um neue Aufträge zu erhalten, unter anderem aus der Werbung.

Da ist es nur naheliegend, dass auch Filmhochschulen verstärkt auf Online-Videoplattformen und ihre Möglichkeiten setzen. Die Internationale Filmschule Köln (ifs) etwa betreibt eigene Channels auf YouTube und Vimeo, online werden zum Beispiel Trailer, Making-ofs sowie Spots und VFX-Breakdowns eingestellt. Mit einbezogen sind auch die Studenten, die über den Vimeo-Zugang der Hochschule ihre während des Studiums entstandenen Filme passwortgeschützt hochladen, um sie Festivals oder Branchenvertretern zur Sichtung zur Verfügung zu stellen. Das macht auch Luise Brinkmann, die kurz vor Abschluss ihres Filmregiestudiums steht. Ihre Serie „Emmas Welt“, die auf YouTube läuft, wurde dieses Jahr auf dem Webfest Berlin mit einem Preis bedacht. „Internetplattformen sind eine Hilfe, um sich zu präsentieren“, sagt sie, „ich würde allerdings nie einen kompletten Film ins Netz stellen, da dann das Interesse an einer Aufführung im Kino oder im Fernsehen sinkt.“ Nachdem sie für ihren Zweitsemester-Kurzfilm eine Freigabe der ifs erhalten und ihre Arbeit dann auf Vimeo hochgeladen hatte, erhielt die angehende Regisseurin vor Kurzem eine Anfrage vom Dortmunder Tresen-Filmfestival für eine Teilnahme. Ifs-Chefin Simone Stewens mahnt allerdings, dass künstlerische Inhalte jeder Art, egal ob Filme, Musik oder Fotos, grundsätzlich nicht kostenlos ins Netz gestellt werden sollten: „Im Gegenteil, es ist höchste Zeit für einen Bewusstseinswandel. Für Nutzungsrechte an künstlerischen Produkten sollte man wie für andere Produkte auch bezahlen müssen. Künstler haben ein Recht auf Bezahlung ihrer Arbeit – auch und gerade im Netz.“ Das sieht McGarry ähnlich: „Wir legen großen Wert darauf, dass unsere Nutzer die Kontrolle über ihre Inhalte behalten und über die Einnahmemodelle mitbestimmen können. Die Sicherung der Inhalte spielt bei Vimeo eine große Rolle.“ Mittlerweile hat auch YouTube einige Projekte angeschoben, um den Nachwuchs in Sachen Bewegtbild zu fördern. Der YouTube Space in Berlin beispielsweise, in dem begabten „Video Creator“ Equipment zur Verfügung gestellt wird und sie professionelle Anleitung beim Erstellen von Videos erhalten, ist ein Kooperationsprojekt mit der Met Film School Berlin. Und den Videowettbewerb Your Turn, den YouTube mit dem Medienboard Berlin-Brandenburg sowie Endemol Beyond veranstaltet, gewannen vergangenes Jahr Studenten der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf.

Die Nachwuchskreativen schätzen besonders das hohe Maß an Unabhängigkeit, das die digitalen Distributionswege ermöglichen. Kritisch gesehen, so Linda, werde das klassische TV: „Da gibt es zu viele Bedenkenträger. Die Entscheider sind oft zurückhaltend, wenn es um Innovationen geht. Ich erhalte auch eher Angebote aus den Vereinigten Staaten oder Großbritannien.“ Der Videokünstler schätzt vor allem das „ungeplante Zulassen“ bei einem Dreh, wenn man „Momente eher entstehen lassen kann anstatt sie zu kontrollieren“. Das sei hierzulande nicht machbar. Die Machart kommt offenbar vor allem bei der jüngeren Generation an, wie die stetig wachsende Popularität von Videoplattformen belegt. Für Linda und andere junge Filmemacher steht fest: „Dank der Freiheiten, die digitalen Medien und ihre Verbreitungswege gewähren, haben sich ganz neue Dimensionen eröffnet.“

von wu