“Hype um US-Serien ist ein Feuilleton-Phänomen”

Serien von Streaminganbietern wie Netflix werden von Kritikern gefeiert, erzielen aber schwache Quoten. Über den US-Serien-Hype und die wahren Publikumslieblinge der Deutschen spricht Joachim Friedmann im DW-Interview.

 

Deutsche Welle , 08.05.2018

DW: Herr Friedmann, Sie selbst haben für die deutsche TV-Krankenhausserie “In aller Freundschaft” geschrieben. Gemessen an den durchschnittlichen Einschaltquoten pro Folge war das die dritterfolgreichste Serie im deutschen Fernsehen im vergangenen Jahr. Auf den übrigen Plätzen der Top Ten landen ebenfalls ausschließlich seichte Serien wie “Um Himmels Willen” oder Krimiserien wie “Der Alte”. Gehypt werden aber vor allem die US-Serien – Game of Thrones, House of Cards, Stranger Things und Co. Wie passt das zusammen? Verkennen wir, dass nach wie vor die Stoffe der Free-TV-Serien die meisten Menschen erreichen?

Joachim Friedmann: Ja, das ist eine These, die ich auch immer wieder vertrete. Das, was gerade gehypt wird, ist natürlich auch ein Feuilleton-Phänomenen. Einschränkend muss ich aber sagen: Wir wissen ja gar nicht, wie viele Leute wirklich bei den Netflixserien zugucken, was natürlich ein Riesenproblem für mich und für den Markt ist.

Es gibt wirklich überhaupt keine Zugriffszahlen von Netflix?

Nein, die verheimlichen die genauen Zahlen. Aber es gibt ein paar Indizien. Zum Beispiel war “You are Wanted” angeblich der erfolgreichste Amazon-Serienstart des Jahres. Daraufhin wurde die Serie im österreichischen Free-TV gezeigt und ging quotenmäßig völlig unter, mit Marktanteilen um die fünf Prozent. Man muss auch sagen, dass “Six Feet Under”, “Die Sopranos”, “Breaking Bad”, “Mad Men” oder “Homeland” – die Serien, die wir alle so lieben – im Free-TV ziemlich untergingen. Die hatten jämmerliche Quoten. Auch wenn man nicht genau sagen kann, wie viele Leute im Internet wirklich zugucken, muss man feststellen: Der Mainstream wird vom Feuilleton überhaupt nicht mehr wahrgenommen. Aber er ist nach wie vor wichtig.

Natürlich muss man sich auch die Altersstruktur angucken. Es schalten vor allem alte Leute die Serien im Free-TV ein. Aber gut, sollen wir jetzt sagen, das gucken alte Leute, deswegen ist es nicht interessant? Das kann es ja nicht sein.

Sondern?

Man sollte nicht verkennen, dass das lineare Fernsehen nach wie vor sehr viele Zuschauer hat. Und bislang ist es auch noch so, dass 90 Prozent der Produktionsmittel ins klassische lineare Fernsehen fließen.

Muss sich das lineare Fernsehen mit seinen Serienangeboten denn nicht trotzdem verändern, um auch in Zukunft Zuschauer zu haben? Ich selbst, Jahrgang 89, habe beispielsweise niemanden in meinem Freundeskreis, der die Serien von ARD oder ZDF guckt.

Das ist absolut so. Wobei auch hier sollte man genauer hinsehen, denn in meinem Freundeskreis ist es genauso – und ich bin schon 51 Jahre alt. Das ist natürlich auch eine bestimmte Schicht, die die Angebote der Streamingdienste nutzt. Das sind vorwiegend junge, urbane, gebildete Menschen.

Ich hoffe aber, dass diese künstlerische Explosion, diese Freiheit, die man jetzt mit den neuen Formaten auf den Streamingplattformen hat, ein Stück weit auch im Mainstreamfernsehen ankommt. Dass man die Fernsehzuschauer peu à peu oder vielleicht auch radikaler mit neuen Inhalten, mit progressiverem Erzählen konfrontiert, um es auch so zu retten. Das ist dann auch eine Frage von, was traue ich mich zu erzählen, was will ich zeigen? Will ich unbequem sein? Das finde ich super wichtig. “Bad Banks” ist ja so ein Beispiel. Aber noch sind das leider Leuchtturmprojekte, genau wie “Babylon Berlin”.

Was genau meinen Sie mit “progressiverem Erzählen”?

Zum Beispiel moderne Helden, die auch mit modernen Problemen zu kämpfen haben, die die Lebenswirklichkeit von uns abbilden. Ein reichhaltigeres, psychologischeres und tieferes Erzählen, so wie es zum Beispiel in “Love” bei Netflix geschieht. Die Serie zeigt eine typische Bindungsunfähigkeit und leuchtet die Gründe dafür aus.

Kamen denn auch schon solch progressive Serien aus Deutschland?

“Bad Banks” wäre ein Beispiel oder auch “Weissensee”. Ich stimme nicht so gern in den Chor ein: Ach, die deutsche Serie, es war ja alles so furchtbar, aber jetzt geht es endlich los. Da muss man ja vielleicht auch mal auf eine Tradition verweisen, die in der Tat ein bisschen abgerissen ist – ohne Zweifel. Aber ich sage mal “Berlin Alexanderplatz”, “Rote Erde”, “Heimat” von Edgar Reitz, “Monaco Franze”, “Kir Royal” – das waren großartige Serien. Und selbst die Lindenstraße war in den 1990ern eine politisch und gesellschaftlich hoch relevante Serie. Über die wurde diskutiert. Warum gibt es diesen relevanten Mainstream nicht mehr? Das ist eine Frage, die wir uns sicher stellen müssen, und da habe ich die Hoffnung, dass das vielleicht durch die Konkurrenz der Streamingplattformen wiederbelebt wird.

US-Serien sind auch international erfolgreich. Wie sieht das mit deutschen Serien aus?

Oft hört man, wir seien international nicht konkurrenzfähig. Das muss man aus meiner Sicht differenzierter betrachten. “Sturm der Liebe” ist ein Heimatfilm als Daily-Soap. Die verkauft sich in über 20 Länder und wird in Italien in der Primetime ausgestrahlt. Diese Alpenidylle, die die dort plakativ verkauft wird, das ist ein Bild von Deutschland, das auch im Ausland sehr gut ankommt. Auch “Kommissar Rex” war ein totaler Erfolg im Ausland, oder “Derrick”, um jetzt noch weiter zurückzugehen. Es ist nicht so, dass wir nur mit “Babylon Berlin” reüssieren.

Glauben Sie, dass eine Serie wie “In aller Freundschaft”, die momentan gute Einschaltquoten hat, auch noch in zehn, zwanzig Jahren so erfolgreich sein wird?

Natürlich muss sich die Serie auch reformieren. Aber ein bestimmter erzählerischer Kern – nach dem gibt es ein Bedürfnis. “In aller Freundschaft” führt ja den erzählerischen Kern schon im Titel. Das Format sagt uns: Wenn wir zusammenhalten, dann können wir auch die größten Herausforderungen bestehen. Das ist eine Botschaft, die ganz viele Leute tröstet und Mut gibt. Dafür wird es immer einen Markt geben, glaube ich. Dass die Krimiserie so erfolgreich ist, das ist halt eins der Meta-Narrative in Deutschland. Die Welt ist grundsätzlich im Gleichgewicht und dann kommt jemand, der sie aus dem Gleichgewicht bringt und dann kommt jemand, der stellt Recht und Ordnung wieder her. Das ist ein Bedürfnis, das in der deutschen Kultur, glaube ich, fest verankert ist. Ich glaube nicht, dass solche erzählerischen Kerne auf so altmodische Weise erfolgreich sein werden, wie es teilweise im Moment im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigt wird, von dem sich junge Leute abwenden und sagen: Das hat doch mit meiner Lebenswirklichkeit überhaupt nichts zu tun. Aber wenn diese Formate es schaffen, sich zu transformieren oder zu reformieren, dann bin ich ganz sicher, dass es noch Platz geben wird.

Joachim Friedmann ist seit Juni 2017 Professor für Serial Storytelling an der ifs internationale filmschule köln. Der renommierte Serienautor, Konzepter und Creative Producer arbeitete viele Jahre unter anderem für die deutschen Serien “Die Camper”, “Lindenstraße” und “In aller Freundschaft”.

Das Gespräch führte Bettina Baumann.