„Ich weiß nicht alles!“

Von Rolf-Ruediger Hamacher

„Als ich Programmchefin beim deutschen Ableger des Schweizer TV-Jugendsenders „Joiz“ war, haben wir Entertainment-Formate für die junge Zielgruppe oft im Großraumbüro  produziert, manchmal sieben Stunden täglich live. Und wer dann auf die Toilette musste“, erinnert sich Jennifer Mival, „musste durchs Bild laufen und wurde Teil der Show. Diese Bereitschaft für Chaos hat den Live-Sendungen gut getan.“

Rückkehr nach Köln

Leider stellte „Joiz“ sein Programm Ende 2016 ein und die Formatexpertin landete bei Netflix, wo sie den neuen Programmbereich „Non-fiction Original Series“ (u.a. „Frank Elstner: Wetten, das war’s“) für den deutschsprachigen Markt und Skandinavien verantwortete. Als die ifs internationale filmschule köln auf Initiative und mit Unterstützung der Film- und Medienstiftung NRW den ersten deutschen Masterstudiengang „Entertainment Producing“ plante und eine Professur ausschrieb, war das für die in Berlin lebende Jennifer Mival das Signal, zurück nach Köln zu kommen.
Hier hatte sie schon bei diversen Produktionsfirmen einschlägige Erfahrungen gesammelt. „Eigentlich hat es mich schon gewundert, dass noch keine deutsche Medienhochschule diesen längst überfälligen Studiengang eingerichtet hat. Umso erfreuter bin ich, dass die ifs den ersten Schritt wagt. Wenn man an Entertainment denkt, kommt man schließlich an der Produktionshochburg Köln nicht vorbei.“

Der Masterstudiengang „Entertainment Producing“ beginnt nun im September 2021 als zweijährige berufsbegleitende Ausbildung und richtet sich an Medienschaffende aus der TV-Branche, aber auch an Quereinsteiger aus verwandten Bereichen: „Wir denken bei den Studierenden nicht nur an ProducerInnen, die sich weiterbilden wollen, sondern auch an ProduktionsleiterInnen oder RegisseurInnen, die ihren Blick vertiefen wollen“, erklärt Mival.  „Aber auch an artverwandte Zweige wie Theaterschaffende, die sich Synergie-Effekte erhoffen. Da sind wir ganz offen. Je vielfältiger die BewerberInnen, desto besser der Studiengang.“

Um das breite Spektrum im Entertainment-Bereich von der Talk-, über die Game- und Quiz- , bis hin zur Reality-Show und sogenannten On Location Produktionen abdecken zu können, wird Jennifer Mival von einem international aufgestellten Dozententeam unterstützt: „Ich weiß ja schließlich nicht alles“, gesteht sie freimütig. Und so werden die Studierenden von der Idee über die Entwicklung, die Produktion, die Vermarktung, bis hin zur Ausstrahlung ihre theoretischen und praktischen Kenntnisse der Produktionsprozesse erweitern können, um sich für Führungsaufgaben oder unternehmerische Tätigkeiten im Entertainment weiter zu qualifizieren. „Da die Studierenden anhand von Projekten wie zum Beispiel Format-Entwicklung oder Budget-Erstellung erlernen sollen, wird der Unterricht auch in Blockseminaren durchgeführt“, erläutert Mival. Die Ergebnisse würden dann auch der Branche präsentiert: „So können sich die Studierenden gleich nach außen profilieren.“

Dabei will die studierte Kommunikations- und Politikwissenschaftlerin ein besonderes Augenmerk auf „die kritische Auseinandersetzung mit dem Genre legen, sowie ein Bewusstsein für das Spannungsfeld von wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Verantwortung fördern.“

Medien und Ethik, das ist für Jennifer Mival kein Lippenbekenntnis. Das fängt für sie bei Quiz- und Talkshows an („Welche Fragen werden gestellt“) und hört bei Gender-Fragen („Welche Gäste lädt man ein“) nicht auf. Auch die Entscheidung, wem man eine Bühne bieten möchte, liegt in der Verantwortung der Produzenten. Vielleicht schickten ja auch die öffentlich-rechtlichen Sender ihre Redakteure zur Weiterbildung.

Mival, die sich als Fan der Formate von „Chez Krömer“, „Showtime of my Life“ und „Wer stiehlt mir die Show?“ outet, will sich über Misslungenes nicht näher auslassen: „Das muss man sich ja nicht ansehen!“ Von den zukünftigen Studierenden wünscht sie sich, dass sie „eine Liebe für ihr Publikum mitbringen und Mut zum kreativen Risiko haben, um Spielraum für Unvorhergesehens zu schaffen.“