Inspiration macht glücklich

Simone Stewens, Geschäftsführerin der ifs, über Ängste, Ruheinseln und den zündenden Funken

Kölnische Rundschau, 15.07.2016

Simone Stewens Kölnische Rundschau
Foto: Belibasakis

Köln Frau Stewens, worüber sprechen wir heute?
Wir sprechen über Inspiration.

Hat Sie heute schon etwas inspiriert?
Ja. Ich bin heute Morgen am Rhein entlang mit dem Fahrrad gefahren. Das ist immer inspirierend, aus unterschiedlichen Gründen: Die Bewegung, die Luft… Heute waren zum ersten Mal die Überschwemmungen zurückgegangen, der Rhein ist wieder in sein Bett gegangen. Darüber habe ich mich gefreut.

Was ist Inspiration für Sie?
Inspiration hat sehr viel mit Wahrnehmung zu tun. Sie ist nicht nur in der kreativen Arbeit oder dem künstlerischem Schaffen wichtig, es ist für mich eine Art Lebenshaltung.

Welche Bedeutung spielt sie in Ihrem Leben?
Sie ist für mich als Thema nicht immer gleich wichtig gewesen. Aber in meiner jetzigen Lebensphase ist sie sehr wichtig, weil ich darüber viel nachdenke, was sie mit mir macht, in welchen Situationen ich in der Lage bin, für andere eine Inspiration zu sein, und warum das gerade so wichtig für mein Leben ist. Das hat sicherlich auch etwas mit dem Älter werden zu tun.
Denn wenn man die Bereitschaft hat, durch die Welt zu gehen und sich inspirieren zu lassen, also auch von kleinen Dingen – das kann ein Kieselstein sein, eine Rose oder die Tatsache, dass die Luft nach dem Regen frisch ist – das erweitert die Fähigkeit, das Leben so zu nehmen, wie es ist, oder auch mit Schwierigkeiten umzugehen. Es hat ganz stark etwas mit der Erweiterung von Grenzen zu tun, das fasziniert mich, und ich überlege immer wieder, wie das funktioniert. Wie dieser Funke überspringt, wenn zum Beispiel Inspiration von einem Kunstwerk ausgeht.
Dazu gibt es auch Forschung – wann passiert es, wann verbinde ich mich mit einem Bild, einem Gedicht, einem Musikstück. Es springt eine Art göttlicher oder spiritueller Funke über und das löst etwas aus. Und das finde ich ein sehr faszinierendes Momentum, denn es ist überhaupt nicht kalkulierbar. Ein Stück weit unerklärbar, aber gerade deswegen magisch. Letzen Endes würde ich behaupten, Inspiration macht glücklich.

Sind Sie ein gläubiger Mensch?
Ja, in gewissem Sinne schon. Ich glaube, dass es eine Kraft gibt, die das Universum zusammenhält und auch beseelt. Ich glaube nicht an eine Figur, aber eine Form von spirituellem Denken ist mir nicht fremd.

Gab es bei Ihnen einen Auslöser, der das Thema Inspiration wichtig werden ließ?
Es hatte bei mir mit einer Krankheit zu tun. Ich hatte vor ein paar Jahren eine schwere Krankheit, habe Glück gehabt, bin da heraus gekommen und hatte gute Leute um mich, die mich bis heute begleiten, darunter eine Atemtherapeutin. Die etymologische Wurzel von Inspiration ist „ spirare“ – atmen, es bedeutet also „einatmen“ oder „einhauchen“: Es geht dabei unter anderem um das bewusste Atmen, das man zum Beispiel beim Yoga macht. Das führt zu Formen von konzentriertem Bewusstsein, wie in der Meditation. Das ist gesund, dieses Lernen, sich auf den Moment und den eigenen Atem zu konzentrieren, das Leben in sich zu spüren. Das ist etwas ganz Physisches, es lehrt, das Leben wertzuschätzen und darauf zu achten, dass es einem gut geht. Auf diesem Wege habe ich die Inspiration schätzen gelernt.

Das klingt aber, als würde die Inspiration nicht immer zufällig kommen…

David Lynch hat mal in einem Werkstattgespräch über seine Inspiration hier in Köln gesagt: „…Ideas come“. Und ich dachte nur – „Naja, manchmal steht man aber ganz schön auf dem Schlauch und Ideen kommen überhaupt nicht“. Das war vor meiner Erkrankung. Inzwischen habe ich gelernt, dass man seinen eigenen Geist in eine Verfassung versetzen kann, dass tatsächlich Ideen kommen. Das kann ich nur empfehlen und vielleicht als Lebenskunst weitergeben. Diese Konzentration hat mit einem tiefen Bewusstsein zu tun. In der Meditation lernt man, sich in sich selbst zu versenken und in diesem Selbst kommen Dinge hoch. Manchmal Erinnerungen, manchmal Eindrücke, die man verdrängt oder vergessen hat. Inspiration kommt über Konzentration, und das kann man lernen.

Gibt es bestimmte Zeiten, in denen sie Inspiration suchen?
Ich brauche meine Ruheinseln, am besten morgens früh. Eine Ruheinsel von 20 bis 30 Minuten, bei der man innerlich den Tag durchgeht. Man denkt an Hindernisse, an Bevorstehendes. Wenn man seinen Tag so visualisiert, sich schwierige Situationen oder Gespräche vorstellt, erreicht man eine Fokussierung in der Situation, weil man sie schon einmal durchgegangen ist. Man ist sehr in dieser Situation und das wird auch als Wertschätzung von den Anderen wahrgenommen.
Das führt zu reicheren Begegnungen und hilft, Ängste zu überwinden. Überhaupt ist Inspiration ein wunderbares Mittel, um Ängste zu bewältigen. Nach meiner Krankheit habe ich Ängste entwickelt, die ich vorher nicht kannte. Dann habe ich gelernt, über Formen der Inspiration und der bewussten Wahrnehmung, diese zu kanalisieren. Ängste hat wahrscheinlich jeder, aber man muss aufpassen, dass sie einen nicht behindern. Angst nimmt Kraft, Inspiration schenkt sie.

Was kann Sie inspirieren?
Alles. Begegnungen mit Menschen sind total wichtig. Inspiration hat viel mit dem „Wir“ zu tun. Man kann vieles nur bewegen, wenn man es gemeinsam angeht. Deswegen finde ich Inspiration zum Beispiel auch in politischen Zusammenhängen wichtig. Ob Flüchtlingsfrage oder Gewalt in der Gesellschaft, schwierige und komplexe gesellschaftliche Verhältnisse, für solche Probleme müssen wir Lösungen finden, durch unsere persönliche Haltung wachsam für solche Phänomene sein und unseren Teil dazu beitragen, dass sich die Verhältnisse verbessern. Dafür braucht man die rationale Analyse, aber auch Visionen. Und da bin ich wieder bei der Inspiration. In dem Moment, wo ich durch Inspiration eine andere Perspektive auf die Dinge bekomme, hat die Lösung eine andere Qualität. Es ist dann mehr als eine ad hoc-Lösung.

Welche Voraussetzung brauchen Dinge, um Sie zu inspirieren?
Sie müssen in meinen Augen schön sein. Ich persönlich finde oft Einfachheit schön und inspirierend. Also in Kunst, Gestalt, Design, Natur, Schönheit in der Einfachheit. Oder auch Prozesse. Informatiker sprechen zum Beispiel von schönen oder eleganten Algorithmen. Das sind einfache Zahlenfolgen, die nicht zu viel Rechnerleistung benötigen. Mich faszinieren Algorithmen. Sie bestimmen immer mehr unser Leben – auch das kann Angst auslösen. Aber Inspiration zum Beispiel unterscheidet Mensch und Maschine. Soweit sind die Coder noch nicht gekommen. Es gibt mittlerweile Maschinen, die können fühlen und lernen, aber einen Gedanken produzieren, von dem man nicht weiß, woher er kommt, der durch etwas von außen, durch Inspiration ausgelöst wird, das können Maschinen nicht.

Zur Person
Die in Heidelberg geborene Simone Stewens studierte Literaturwissenschaft, Neuere Deutsche Literatur und Romanistik in Bonn, München und Toulouse.
Ab 1981 war sie als freie Journalistin und Autorin vor allem für den Bayrischen Rundfunk tätig, moderierte unter anderem die Sendung „Kino Kino“. Ab 1999 Gesamtleitung der Redaktion „Film und Teleclub“ im Bayerischen Fernsehen. Sie war u.a. verantwortlich für internationale Kino-Koproduktionen wie „Die Klavierspielerin“ und „Malunde“. 2002 übernahm sie die Geschäftsführung und künstlerische Leitung der Internationalen Filmschule Köln. (bpo)

von Bianca Pohlmann