Internationale Filmschule Köln „Köln ist ein lebendiger Medienstandort“

 

 

 

 

 

 

 

 

Simone Stewens und Rainer Weiland (Geschäftsführung der ifs) ©ksta/Krasniqi

Köln-Mülheim

Frau Stewens, Herr Weiland, was ist Ihr persönlicher Lieblingsfilm?
STEWENS: Lieblingsfilme, damit verbinde ich Filme, die meinen Blick auf die Welt verändert haben. Für mich war das der Film „Grand Canyon“ von Lawrence Kasdan. Die Geschichte eines Protagonisten, gespielt von Kevin Kline, der einmal im Leben die falsche Ausfahrt auf der Autobahn nimmt, in eine andere Nachbarschaft gerät und erfährt, auf wie viel Unsicherheit das eigene Leben gebaut ist.
WEILAND: Wenn ich einen Film nennen müsste, wäre das „Die Frau nebenan“ von François Truffaut. Am Film fasziniert mich, wie tiefe Emotionen das Leben radikal aus den Angeln heben können.

Dieter Kosslick gründete Filmschule

Die Filmschule wurde vor 22 Jahren gegründet. Wie kam es dazu?
STEWENS: Als Vorläufer der ifs wurde die Schreibschule Köln von Dieter Kosslick 1995 gegründet. Die Idee war, für die ansässige TV- und Filmbranche Weiterbildungen anzubieten. Das hatte auch mit dem Strukturwandel in NRW zu tun – von Kohle und Stahl zu den Medien. Die ‚Schreibschule’ war ein Programm für Autor*innen und Journalist*innen, um sich für das Schreiben für Film zu qualifizieren. Mit der Gründung der Filmschule NRW 1997 kamen Weiterbildungen wie Szenenbild und Animation dazu. Ziel war die Vermittlung von Fachwissen in den Gewerken der Filmproduktion. Dies sollte helfen, am Standort einen Hotspot für Film und TV aufzubauen. 2000 wurde dann die ifs als internationale filmschule köln gegründet.

Die ifs wird teils vom Land getragen, Sie müssen aber auch Studiengebühren nehmen.
WEILAND: Wir sind eine gemeinnützige GmbH. Wir machen Studiengänge nicht um Geld zu verdienen, sondern um einen Auftrag zu erfüllen. Die gGmbH wurde gegründet, weil es schnell gehen sollte. Es gab damals eine Aufbruchstimmung in NRW mit einem gigantischen Anstieg an Produktionen und Programmflächen. Und es gab eine Filmförderung, die internationale Projekte an den Standort geholt hat. Was fehlte, waren gut ausgebildete junge Leute. Die Filmstiftung hat gesagt, wir übernehmen Verantwortung und werden Gesellschafter der ifs. Und das Land NRW hat den größten Teil der Finanzierung gestellt.

Wie war das Verhältnis zu den anderen Filmhochschulen?
STEWENS: Wir waren die jüngste und die kleinste, hatten weniger als 100 Studierende und drei Fachschwerpunkte in unserem Bachelor-Studiengang Film – Drehbuch, Regie und Produktion. Die Filmuniversität Babelsberg mit ihrem damaligen Rektor Dieter Wiedemann hatte uns ein wenig adoptiert. Die fanden interessant, dass wir sofort in das Bachelor- und Mastersystem gingen. Das war im Filmbereich umstritten und ungewöhnlich. Die meisten Kolleg*innen waren der Ansicht, dass modularisierte Lehre und künstlerisches Studium nicht zusammenpassen. Wir galten als Vorreiter, als Versuchskaninchen. Wir hatten viele Probleme, aber wir haben es hinbekommen. Die Filmuniversität hat uns bei der Akkreditierung der Studiengänge unterstützt. Sie war die erste unter den großen Filmhochschulen, die nach uns ins Bachelor/Mastersystem gegangen ist, und Wiedemann hatte sich dafür interessiert, wie wir das machen. Das war ein fruchtbarer Austausch.

Was ist der Unterschied zur Kölner Kunsthochschule für Medien?
STEWENS: Wir bilden sehr fachspezifisch aus. An der KHM hingegen wird Film nicht mit dem Ziel der Spezialisierung gelehrt, die Lehre orientiert sich eher am Autorenfilm. Bei uns ist die Ausbildung orientiert am Fachwissen in den einzelnen Gewerken und an der interdisziplinären Zusammenarbeit in der Produktion. Man entscheidet sich schon vor dem Studium für eine berufliche Richtung und die wird bis zum Abschluss vertiefend betrieben.
WEILAND: Das heißt auch, dass bei uns praxisorientiert ausgebildet wird. Unsere Professor*innen sind alle in der Branche aktiv. Wir haben enge Brücken zwischen unseren Studierenden und der Produktionsbranche. Unsere Absolvent*innen sind zu zwei Dritteln binnen dreier Monate in einem Job in den Medien. 80 Prozent haben ihren Arbeitsschwerpunkt in NRW. Das Investment, das die Landesregierung tätig, bringt dem Standort etwas.

Wie sehen Sie den Medienstandort NRW und Köln?
WEILAND: Ich halte ihn für einen unglaublich lebendigen Standort mit vielen verschiedenen Facetten. Es gibt nicht nur den großen Glamour-Faktor Film, sondern auch das solide TV-Geschäft. Rund 40 Prozent aller TV-Auftragsproduktionen werden von nordrhein-westfälischen und vor allem von Kölner Unternehmen hergestellt. In der TV-Produktion wird hier rund eine Milliarde Euro pro Jahr umgesetzt – das ist mehr als in Bayern und Berlin. Nur als Drehort für den Kinofilm liegt NRW auf Platz zwei hinter Berlin. Aber die gesamte deutsche Film- und Fernsehproduktion stößt im Moment auf ein Problem.

Warum?
WEILAND: Wir erleben gerade wieder einen Produktionsboom. Die Produktionsunternehmen haben Vollbeschäftigung, sind voll ausgelastet. Und es mangelt an kreativem Talent und an Fachkräften in diversen Bereichen der Produktion. Das erinnert an die Gründungszeit der ifs. Damals kam mit den Privatsendern eine Fülle an Programmen auf den Markt. Heute ist es in gewisser Weise ähnlich, weil der Streamingmarkt boomt. Netflix, Amazon und andere haben einen großen Programmhunger, und weitere Giganten stehen mit neuen Streaming-Angeboten in den Startlöchern. Wir erleben das bei unserem Serien-Studiengang: Unsere Studierenden werden zum Teil aus den Studiengängen heraus für Projekte engagiert.

Nach welchen Kriterien entwickeln Sie neue Studiengänge?
WEILAND: Wir beobachten Entwicklungen in der Medienbranche sehr genau. Es ist kein Geheimnis, das das Thema Entertainment am Standort Köln wichtig ist. Hier sitzen die großen TV-Unterhaltungsproduzenten, die mehr als 50 Prozent der deutschen TV-Unterhaltung produzieren. Auch die brauchen Fachkräfte. Also gibt es Gespräche, ob man in diesem Bereich gemeinsam etwas entwickelt. Das deutsche Unterhaltungsfernsehen ist sehr produktiv und greift dabei oft auf internationale Formate zurück, die adaptiert werden. Die Frage ist: Warum entwickeln wir nicht mehr eigene Formate mit Qualität, Pfiff und inhaltlichem Anspruch, die zudem exportfähig sind?
STEWENS: Auch den Master „Film“ wollen wir in absehbarer Zeit starten. Er soll eine Vertiefung des breit aufgestellten Bachelors „Film“ bieten.

2015 sind Sie aus der Innenstadt nach Mülheim gezogen. Warum?
STEWENS: Wir hatten zu wenig Platz. Wir hatten kein Studio und kein Kino, was für eine Filmschule eigentlich ein Unding ist. Man braucht das Kino nicht nur für die Lehre in Filmgeschichte, sondern auch für die Sichtung der studentischen Produktionen in unterschiedlichen Stadien. In der Innenstadt mussten wir mit externen Studios arbeiten, das war logistisch furchtbar aufwändig. Wir haben lange gesucht, vor allem in Mülheim, weil der Raum hier bezahlbar war. Dass es die Schanzenstraße 28 wurde, ist dem Eigentümer zu verdanken, der einen langfristigen Ankermieter suchte. Wir hatten aber auch die Möglichkeit, das Cologne Game Lab der TH Köln mit hierher zu ziehen. Und wir haben hier 2000 Quadratmeter mehr als in der Innenstadt.

Mülheim war noch bezahlbar

Wie läuft die Kooperation mit der TH Köln?
WEILAND: Im Hochschulrecht gibt es die Möglichkeit, dass eine nicht-staatliche Einrichtung staatliche Abschlüsse vergeben kann, wenn sie mit einer staatlichen Hochschule zusammenarbeitet. Unsere Professor*innen sind formal an der TH Köln angestellt und an die ifs abgeordnet. Durch die Kooperation können wir auch akkreditierte Studiengänge anbieten. Die Zusammenarbeit ist sehr konstruktiv. Wir betreiben z.B. gemeinsam mit dem Cologne Game Lab der TH das Kino, nutzen gemeinsam Räume, Technik und Personal – und wir haben einen ersten gemeinsamen Studiengang für 3D-Animation in Film und Games gestartet.

Brandauer hat als Dozent unterrichtet

Sie haben oft prominente Dozenten an der ifs, etwa Klaus Maria Brandauer, Kameramann Frank Griebe oder Dominik Graf. An wen denken besonders gern zurück?
STEWENS: Brandauer war schon toll. Die prominenten Dozenten sind natürlich ein wunderbares Aushängeschild für die Hochschule, sind aber nicht immer einfach zu handhaben. Brandauer, Maximilian Schell oder Dominik Graf sind anspruchsvolle Persönlichkeiten, als Künstler hochspannend. Graf kannte ich aus meiner Zeit beim Bayerischen Rundfunk, ich habe ihn verehrt. Er ist ein intellektueller Kopf, der Produzenten mitunter wahnsinnig macht, weil er so viel will. Zu unseren bekannten Dozenten, die wir derzeit haben, zählen Autor und Regisseur Philip Gröning, Bildgestalter David Slama, Schnittmeister und Sound Designer André Bendocchi-Alves und die Drehbuchautorin Mika Kallwass.

Abschließend würde ich gerne auf die Fachtagung zum Thema Diversität zu sprechen kommen, die kürzlich an der ifs stattfand. Worum ging es?
STEWENS: Wir hatten 85 Delegierte aus 22 Ländern hier. Diversität gehört zu unserer Alltagskultur. Es ist wichtig, dass sich in Hochschulen diese Kultur spiegelt. An Filmhochschulen studieren viele weiße Mittelstandskinder. Mittlerweile relativiert sich das, aber wir wollten noch mehr tun und haben eine zweiteilige Konferenz ins Leben gerufen. Im ersten Teil bei unserem Partner, der Nederlandse Filmacademie, ging es um die Sensibilisierung für das Thema. Unsere Aufgabe war es, konkrete Handlungsanleitungen für mehr Pluralität und Inklusion zu finden. Etwa, wie sich gesellschaftliche Vielfalt in unseren Filmen abbildet. Wie können wir unsere Studierenden animieren, diese Themen anzupacken und wie können wir Diversität an der Hochschule verankern.

Wie wollen Sie das realisieren?
STEWENS: Wir wollen mit studentischen Botschaftern arbeiten, die Kulturzentren und Schulen besuchen und ihre Arbeit mit Film vorstellen. Wir denken auch über Vorkurse nach, die sich an eine Klientel richten, die wir normalerweise nicht erreichen. Es gibt Modelle aus Schweden, die sich an junge Filminteressierte richten, die kein Abitur haben und denen möglicherweise auch die sprachlichen Voraussetzungen fehlen. Auf diese Weise könnten wir Menschen mit künstlerischer Begabung finden, die wir sonst nicht erreichen. Auch in unseren Curricula sollte sich Diversität spiegeln. Schließlich geht es darum, relevante Geschichten aus unserer Gesellschaft zu erzählen.

 

Zu den Personen

Simone Stewens arbeitete als freie Journalistin, Autorin und Regisseurin für die ARD. Beim Bayerischen Rundfunk wurde sie Redakteurin für das Magazin „Kino Kino“ und leitende Redakteurin für Dokumentar- und Spielfilm. Anschließend übernahm sie die Leitung der Filmredaktion und war verantwortlich für TV- und Kinoproduktionen. Seit 2002 ist sie Geschäftsführerin der ifs.

Rainer Weiland arbeitete nach dem Studium der Musik und Germanistik als Musiker, Autor und Journalist, bis er Referent für Medienpolitik in der Staatskanzlei NRW wurde. Dort wurde er Referatsleiter Film, dann Leiter der Gruppe Medien und Netzpolitik. Seit 2016 ist er Geschäftsführer der ifs.

von Dirk Riße