Muss es immer pompös sein?

Mit Serien wie „Babylon Berlin“ und „Bad Banks“ ist die deutsche Serie international angekommen. Zu viel gutes Fernsehen könne es gar nicht geben, heißt es bei der Kölner Branchenkonferenz „Serien-Summit“. Und wie geht es weiter?

FAZ Online, 21.04.2018

Die deutsche Serie „Babylon Berlin“ konnte an internationales Niveau anknüpfen. Beim „Serien-Summit“ in Köln wird darüber diskutiert, wie sich solche Erfolge wiederholen lassen. Bild: Sky

Ist es mit der Fernsehunterhaltung wie mit dem Lieblingsgetränk der Deutschen? Nach dem Siegeszug der High-End-Drucksieder, nach all den Barista-Schwadronaden über die ideale Crema kam Omas Filterkaffee zurück, weil das koffeinsüchtige Volk angesichts des drohenden Siebträgertotalitarismus nach Tradition verlangte. Werden wir uns, wenn komplexe Edelserien mit perfekter Drama-Crema in kaum zu bewältigender Stückzahl auf uns eintrommeln, Lust auf eine Folge „Um Himmels Willen“ verspüren oder in der Mediathek alte „Traumschiff“-Episoden schauen?

Mit Serien wie „Babylon Berlin“, „4 Blocks“ oder „Bad Banks“ scheint der Anschluss ans internationale Niveau endlich gelungen. Wie es mit der Serienproduktion in Deutschland weitergeht, war die Leitfrage der diesjährigen Kölner Branchenkonferenz „Serien-Summit“, die wieder von der Beratungsagentur HMR International und der Film- und Medienstiftung NRW ausgerichtet wurde. Einen neuen Partner hat man mit der Internationalen Filmschule Köln (ifs) gefunden. Zu viel gutes Fernsehen könne es gar nicht geben, konstatierte zu Beginn Petra Müller, Geschäftsführerin der Film- und Medienstiftung. Angst vor einer Serienblase müsse niemand haben.

Chance auf ein neues Niveau

Joachim Friedmann, Professor für Storytelling an der ifs (und ehemaliger „Lindenstraße“-Autor), hofft indes, dass das lineare Fernsehen klassischer Ausrichtung noch lange besteht, denn da seien nun einmal die Jobs: Er könne seine Studenten kaum alle in der High-End-Serienproduktion unterbringen. Gebhard Henke, Fiktionschef des WDR, verteidigte prompt die guten alten deutschen Serien mit Verwöhnaroma, die nicht so schlecht seien wie ihr Ruf. So hatte es Friedmann aber nicht gemeint: Er erwarte durchaus eine „entfesselnde“ Rückwirkung des mutigen Avantgarde-Fernsehens auf die formatierten Alltagsproduktionen: Das Free-TV habe jetzt die Chance, auf ein neues Niveau zu kommen.

Auch seitens der Produzenten ist bei aller Freude über neue Formen der Zusammenarbeit klassischer Sender mit dem Pay-TV und Plattformen gewisse Zurückhaltung zu spüren. Sie verdienen schließlich gutes Geld mit herkömmlichen Auftragsproduktionen. Die Letterbox-Produzentin Lisa Blumenberg wies darauf hin, dass in einer Serie wie „Bad Banks“, die dann nicht einmal Traumquoten erreichte, sehr viel Arbeit stecke. Mehr als üblich, hieß das.

Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der lokalen Anbindung

Trotzdem entstehen gerade reihenweise Bildschirmerzählungen, die durch Direktheit und Konsistenz fesseln, stark gebrannt sozusagen gegenüber der redaktionell gefilterten Plörre. Dafür stand hier das von der jungen Münchner Produktionsfirma Neuesuper für Sky kreierte Endzeitdrama „Acht Tage“: Wieder mal droht ein Meteoriteneinschlag, aber anders als in „Hard Sun“ motiviert dieses Ereignis die gesamte, äußerst explizite Handlung, die konsequent aus der Perspektive weniger Figuren rund um Berlin gezeigt wird. In der lokalen Anbindung, darin war man in Köln einig, liege der Schlüssel zum Erfolg. Regisseur Michael Krummenacher freute sich, dass ihm bei „Blut, Schweiß und Tränen“ kaum Grenzen gesetzt waren. Um den von Sky-Entertainment-Chef Marcus Ammon erwarteten „Larger than life“-Look zu realisieren, war indes ein Budget von mehr als 1,2 Millionen Euro pro Folge nötig.

Muss es immer pompös sein? Die Konferenzregie hatte drei Serienmacher aus dem Ausland eingeladen, von denen man lernen kann. Yaki Jacques vom israelischen Abosender Yes machte deutlich, dass sich mit einem Bruchteil des üblichen Budgets überragendes Fernsehen machen lasse: Die inzwischen bei Netflix laufende Serie „Fauda“ hat 240000 Dollar pro Episode gekostet und bildet den israelisch-palästinensischen Konflikt quasi an Originalschauplätzen aus der Innensicht ab. Die Skandinavier wiederum haben ein Erfolgsproblem: Wie erneuert man den zur Marke gewordenen, etwas abgenutzten Scandi-Noir-Thriller? Rasmus Thorsen von Cosmo Film (Kopenhagen) scheint mit „Greyzone“ eine Antwort zu haben, von der man sich im September auf ZDFneo überzeugen kann: Es geht wieder düster-realistisch zu, aber der Serie wurde eine gute Dosis „Homeland“ injiziert. Und doch hat man mit einer Hauptfigur in der moralischen Grauzone einen ganz eigenen Zugang zum Terror- und Geheimdienstthema.

Den größten Eindruck hinterließ das belgische Format „De Dag“, an dem ebenfalls ZDFneo beteiligt ist. Hier wird ein Banküberfall mit Geiselnahme konsequent aus zwei Perspektiven gezeigt. Einer Episode aus Sicht der Polizei folgt eine dieselbe Zeitspanne abdeckende Episode aus dem Inneren der Bank. Obwohl das Konzept nicht neu ist und schon unzählige Film-Banken ausgeraubt wurden, sorgt der Plot in Kombination mit der für Belgien spätestens seit den Dardenne-Brüdern so typischen, fast schon schmerzhaften Realitätsnähe, in deren Zentrum sich dann poetische Freiräume auftun, für atemlose Spannung und emotionale Identifikation. Knapp 700 000 Euro hat eine Episode gekostet, verriet Mitproduzentin Hilde de Laere. Dass Netflix für „The Crown“ gut das Zehnfache pro Episode ausgibt, muss Serienmacher also nicht schrecken, solange man für gute Ideen offen ist und sich auf das verlegt, was man jeweils am besten kann. Ob in Deutschland der Weltuntergang dazugehört, wird sich mit „Acht Tage“ im Herbst auf Sky zeigen.

Von Oliver Jungen