Schmiede für Drehbuch-Autoren

An der Internationalen Filmschule Köln entwickeln Studenten hochwertige Fernsehserien.

Frankfurter Rundschau, 03.02.2015

Morgan Gandel_ifs
Foto: ifs

„Überzeuge mich“, spornt Morgan Gendel seine Studenten an. „Warum ist deine Idee besser?“
Vor dem US-amerikanischen Drehbuchautor und Dozent der internationalen filmschule köln (ifs) sitzen acht junge Menschen mit aufgeklappten Laptops, dazwischen liegen Karteikarten, an der Wand hängt ein Whiteboard. Die Studenten klicken sich auf den Bildschirmen durch Szenen, Figurenentwürfe und Dialog-Ideen.
In nur sechs Wochen soll hier das Drehbuch für eine neue Serie entstehen. Writers‘ Room nennt sich diese Form des kollaborativen Arbeitens, bei dem Staff Writer, in diesem Fall die Studenten, im ständigen Austausch miteinander eine Fernsehserie schreiben. Der „Showrunner“ Morgan Gendel leitet den Prozess und entscheidet, was dem Produzenten vorgelegt wird.
Der simulierte Writers‘ Room ist eines der Herzstücke des internationalen Masterstudiengangs Serial Storytelling, der seit 2013 an der ifs angeboten wird. Junge Film- und Serienschaffende lernen hier die Kunst des seriellen Erzählens.  Nach dem mehr theoretisch ausgelegten ersten Semester, folgt im zweiten der Workshop „Writers‘ Room“. Meilensteine des Qualitätsfernsehns wie „Mad Men“, „House of Cards“ oder „Breaking Bad“ wurden in solchen Kollektiven geschrieben. „Beim gemeinsamen Arbeiten ergänzen sich unsere unterschiedlichen Stärken. Das Ergebnis ist besser und wir sind schneller“, berichtet der Student Peter Furrer. Es sei viel inspirierender als das einsame Autorendasein, „nur das weiße Blatt und du“.
Seit etwas mehr als einem Jahr üben sich der 35-Jährige und sieben weitere Studenten aus Deutschland, USA, Ghana oder Frankreich in Teamgeist und gegenseitigem konstruktivem Kritisieren. Die Jungautoren tauchen so in die Realität der weltweiten Film- und Fernsehbranche ein. Um nah an der Wirklichkeit zu sein, wird auf Englisch studiert. „Der internationale Markt wächst“, erläutert Sylke Rene Meyer, Professorin für Drehbuch und Dramaturgie, die den Studiengang mitkonzipiert hat. Jedoch seien Formen wie der Writers‘ Room in Deutschland noch nicht weit verbreitet. Furrer pflichtet dem bei: „Erst langsam merkt der deutsche Markt, was es hier zu holen gibt.“ Beide sind sich einig, dass man sich auf die Zukunft vorbereitet.
Neben dem Writers‘ Room lernen die Studenten in vier Semestern auch andere Formen der Kooperation kennen. Zentral seien die Gruppendynamik und auch die non-hierarchische Zusammenarbeit, so Professorin Meyer. Über den Entstehungsprozess hinaus ist auch die Analyse des Endproduktes wichtig. „Es geht darum herauszufinden, was die heutige Gesellschaft überhaupt an Erzählungen braucht“, sagt Meyer. Die Studenten beschäftigen sich deswegen mit Neuen Medien und Game Design.
Auf das harte Pflaster der Filmbranche werden sie von bekannten internationalen Autoren vorbereitet: Lisa Albert, die an Folgen von „Mad Men“ mitgewirkt hat, Jane Espenson, Autorin von „Buffy“- und „Battlestar Galactica“ –Episoden und eben Morgan Gendel, der für „Law & Order“ sowie die von „Star Trek: The next Generation“ geschrieben hat.

Gute Jobchancen hierzulande

Gendel ist außerdem Peter Furrers Mentor. Er liest dessen Drehbuchentwürfe und berät ihn in Sachen Zukunftsplanung – manchmal bei Burgern und Bier. „Wir sind auf einer Wellenlänge“, erzählt Furrer, er ist einer der jüngeren Serial-Storytelling Studenten. Seine Kommilitonen sind Anfang 20 bis Mitte 30. So kommt es, dass Menschen aus den unterschiedlichsten Lebensphasen und mit verschieden Erfahrungen hier zusammenarbeiten. „Natürlich gibt es da Diskussionen“, sagt Furrer. Doch am Ende zähle das beste Endprodukt.
Bei einigen Projekten sind die Studenten auf sich allein gestellt. So schrieb Furrer derzeit an seiner Masterarbeit, einer halbstündigen Komödie über eine Entzugsklinik für Internetsüchtige. Wenn er danach keinen Job in Deutschland findet, will er in die USA oder nach England um dort sein Glück als Drehbuchschreiber für Serien zu versuchen. Professorin Meyer sieht aber gute Chancen für ihre Studenten. „Die Nachfrage nach unseren Absolventen ist in Deutschland enorm groß.“ Kein Wunder. „Ich war selbst überrascht, wie kreativ und schnell gearbeitet wurde“, sagt sie zufrieden.
Nach nur sechs Wochen im Writers‘ Room hatten die Studenten nämlich eine komplett fertige Serie auf dem Tisch. Die neun Episoden von „The Th3rds“ sind auf fast 400 Seiten niedergeschrieben. Sie erzählen von einer Gehirnchirurgin, die jeden Morgen mit Gedächtnislücken aufwacht und herausfindet, dass sie gar nicht der Spezies Homo Sapiens angehört. Erste Produzenten haben schon Interesse an dem Gemeinschaftsprodukt der Jungautoren gezeigt.

DIE FILMSCHULE

Der Masterstudiengang Serial Storytelling an der internationalen filmschule köln ist auf vier Semester angelegt und wird alle zwei Jahre angeboten.

Voraussetzung ist ein Jahr berufliche Praxis und sehr gute Englischkenntnisse. Bewerbungsschluss ist der 28. Februar.

Das Studium kostet pro Semester 2.500 Euro.

Infos zu Zulassungsvoraussetzungen und Bewerbung im Internet unter www.filmschule.de

von Hannah Weiner