That’s Entertainment!

Jennifer Mival

ProSiebenSat.1 Media AG, Joiz oder Netflix lauten die beeindruckenden Karrierestationen von Jennifer Mival. Neben ihrer Tätigkeit als Produzentin war sie auch in der Bildung tätig, unter anderem als Lehrbeauftragte an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Jetzt ist sie Professorin an der Internationalen Filmschule Köln. Wir stellten ihr einige Fragen – sie gab uns interessante Antworten.

Digital Production: Welche Ihrer Ressourcen – zusammengetragen aus Berufspraxis und Dozentensicht – werden Sie in den Masterstudiengang Entertainment Producing einbringen?

Jennifer Mival: Durch meine internationale Erfahrung sowohl bei Streamingdiensten, Sendern und Produzenten habe ich gelernt, aus verschiedenen Perspektiven auf die Aufgabenstellung eines Produzenten und die Besonderheiten des deutschen Marktes im Bereich nonfiktionales Entertainment zu blicken. Diese Fähigkeit zum bewussten Perspektivwechsel möchte ich gern in den Studiengang einbringen. Dabei möchte ich auch auf mein internationales Netzwerk zurückgreifen, um den Studierenden einen möglichst vielfältigen Austausch zu ermöglichen. Aus meiner Erfahrung als Lehrbeauftragte an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf bringe ich die Begeisterung für praxisnahe Lehre mit, die Studierende stark einbezieht und zur Projektarbeit anregt.

DP: Worin genau werden die Studierenden die angekündigte Kombination aus Handeln und Reflektieren curricular antreffen?

Jennifer Mival: Die Studieninhalte orientieren sich am Entstehungsprozess einer Entertainment-Produktion – von der Entwicklung einer Idee über die Produktion bishin zur Auswertung. Sie sind zugeschnitten auf die Aufgabenfelder des Producers in der jeweiligen Produktionsphase. Jedes Semester kombiniert eine semesterübergreifende Projektarbeit mit Kursen, die Kontext und Handwerk vermitteln, die bei der Umsetzung der Projektarbeit hilfreich sind und zur Reflexion anregen. Eine Projektarbeit für eine Reality-Formatentwicklung wird zum Beispiel flankiert von Kursen zu internationalem Formathandel, Kreativtechniken und Storytelling oder befasst sich anhand von herausragenden Formatbeispielen mit der Geschichte des Reality-Genres und den besonderen Herausforderungen des Genres beim Casting. Das klingt offensichtlich, gab es aber für den Bereich des nonfiktionalen Entertainments bisher nicht: Projektarbeit und Kurse werden von Dozenten aus der Branche begleitet und sichern den direkten Bezug zur Praxis, während die Laborsituation des Studiums einen geschützten Rahmen schafft für Austausch und Reflexion.

DP: Wie wollen Sie und Ihre KollegInnen an der ifs die ProduzentInnen von morgen ausbilden? Welches Rüstzeug ist unabdingbar, welche Kompetenzen unverzichtbar – und wie werden diese an der ifs an Studierende weitergegeben?

Jennifer Mival: Zunächst ist ein Verständnis für den Dreiklang aus Entwicklung, Produktion und Auswertung wichtig. Medienschaffende sind in ihrer Berufspraxis oft in einem Teilbereich gebunden, zum Beispiel als Redaktionsleiter eines bestimmten Formats, der erst in der Produktionsphase an Bord kommt. Hier wollen wir den Blick weiten für den gesamten Schaffensprozess. Wir wollen außerdem Kompetenzen vermitteln im Bereich kreativer Führung, Kommunikation und Management.

DP: Stichwort und Reizwort zugleich: Originalität. Was bedeutet für Sie Originalität im Bereich Entertainment Producing – wie kann sie erreicht werden?

Jennifer Mival: Ich denke, momentan ist ein guter Zeitpunkt für Originalität. Der aktuelle Innovationsdruck durch neue internationale Player und veränderte Sehgewohnheiten führt aus meiner Sicht dazu, dass der Wunsch nach Originalität auf Seiten der Auftraggeber enorm hoch ist. Digitale Distributionswege verlangen nach einer Anpassung und bringen neue Entertainment-Formate und Erzählstrukturen hervor. Im On-Demand-Bereich zum Beispiel die Möglichkeit zum horizontalen Erzählen, wie wir es bei zwei Folgen der Talkshow „Frank Elstner: Wetten, das war’s“ auf Netflix gemacht haben. Im Linearen eine Rückbesinnung auf die Kraft von Live-Momenten wie dies zum Beispiel bei „Joko & Klaas live – 15Minuten“ auf Pro7 konsequent umgesetzt wurde. Vor diesem Hintergrund glaube ich nicht, dass Originalität im Widerspruch steht zu wirtschaftlicher Rentabilität – im Gegenteil. Dabei sollte man allerdings davon ausgehen, dass nicht alles gelingen wird. Im Umkehrschluss wird der, der mehr Ideen pilotiert, öfter einen Hit landen, der einen Flop verkraften lässt. Hier sehe ich eine Korrelation zwischen der Anzahl der Versuche und der Anzahl an Hits: im Hitbusiness ist mehr mehr. Ich verstehe Originalität daher als eine Verpflichtung, so oft wie möglich Neues zu wagen und wirtschaftlich realistisch einzukalkulieren, dass vieles davon eben leider nicht gelingen wird.

DP: Lassen Sie uns den Fokus auf die Gesellschaft lenken: Welcher gesellschaftliche Verantwortungsbereich obliegt nach Ihrem Dafürhalten der Produzentin von Unterhaltungsformaten?

Jennifer Mival: Ich glaube, dass Unterhaltungsformate grundsätzlich gesellschaftliche Werte vermitteln, allein durch die Menschen, denen sie eine Bühne und damit große Reichweiten geben. ProduzentInnen tragen die Verantwortung für diese inhaltliche Auswahl: Wie besetze ich einen Cast? Welche Fragen stelle ich mir dabei? Was empfinde ich derzeit als normal, was als selbstverständlich? Welche Aussage möchte ich als ProduzentIn beziehungsweise Sender durch die Auswahl des Castings treffen? Unterhaltungsformate sind aber auch unabhängig vom Casting das Ergebnis von vielen kreativen Entscheidungen, die ganz nebenbei Werte und Normen verhandeln. Beispielsweise bei Castingshows: Was ist eigentlich eine tolle Leistung? Wer bewertet die und nach welchen Kriterien? Welcher Preis ist am Schluss angemessen? Ist es eine Million oder 20.000 Euro? Ich finde, man sollte sich der potenziellen Wirkmacht von Unterhaltungsformaten bewusst sein, wenn man als ProduzentIn diese inhaltlichen Entscheidungen trifft. An dieser Stelle wollen wir in unserem Studiengang ansetzen. Wir wollen diesen Aspekt durch die Vermittlung von theoretischen Grundkenntnissen zum Beispiel aus der Medienwirkungsforschung und durch berufspraktische Fragestellungen betrachten und die Studierenden zur Diskussion darüber anregen.

DP: Im September 2021 startet der Studiengang Entertainment Producing erstmalig. Aus der Warte potenzieller Studierenden betrachtet: Welche sowohl personellen als auch fachlichen Qualitäten wünschen Sie sich von Studierenden von Entertainment Producing?

Jennifer Mival: Der Studiengang ist berufsbegleitend angelegt und richtet sich an ambitionierte Medienschaffende, die gerne den nächsten Schritt machen wollen in Richtung Producer oder Executive Producer. Formal brauchen sie dafür ein abgeschlossenes Studium, Berufserfahrung wäre gut. In erster Linie aber: Offenheit und kreatives Potenzial. Und die Lust daran, das Genre Entertainment ernst zu nehmen und weiterzuentwickeln. In welche Richtung, da dürfen die Studierenden sehr gerne ganz frei denken. Ein wichtiger Aspekt ist: Wir wollen durch unseren Studiengang eine gewisse Durchlässigkeit und Offenheit für jene Talente fördern, die nicht schon seit Jahren in der klassischen TV-Unterhaltungsbranche tätig sind. Innovation, die von außen kommt, tut jeder Branche gut. Wir sind daher bewusst offen für QuereinsteigerInnen aus artverwandten Bereichen wie Regie, Social Media oder anderen.

DP: Inwiefern haben die unterschiedlichen Expertisen Ihrer KollegInnen die Entwicklung des Studiengangs bereichert?

Jennifer Mival: Die ifs ist in der glücklichen Lage, dass sie bereits bei der Konzeption des Studiengangs auf Erfahrungen der KollegInnen der Entertainment-Branche sowie der Entertainment Masterclass zählen konnte. Non-fiktionales Entertainment ist ein Genre, das sehr viele unterschiedliche Formate umfasst – von der Talk-, Quiz-, Game-Show über Reality bis hin zu Factual-Formaten. Jedes Format birgt seine eigenen Herausforderungen bei der Entwicklung und bei der Umsetzung. Von der Doku-Soap mit möglichst kleinem Team vor Ort bis zur Live-Show im Studio mit einem großen Team und vielen Gewerken.

DP: Rollentausch: Stellen Sie sich vor, Sie wären selbst angehende Studentin für Entertainment Producing bei Jennifer Mival. Was würden Sie sich raten? Womit könnte die Studierende Jennifer Mival begeistern?

Jennifer Mival: Ich würde mir raten, den geschützten Raum der ifs zu nutzen, um so viel wie möglich auszuprobieren und außerhalb der eigenen Komfortzone Risiken einzugehen, sowohl auf inhaltlicher als auch persönlicher Ebene. Und ich würde mir raten, auch die anderen Studierenden als Lehrer und zukünftiges Netzwerk ernst zu nehmen. Bei uns werden Studierende mit ganz unterschiedlichen Vorkenntnissen und Biografien zusammenkommen. Wer sich auf den Austausch untereinander einlässt, wird davon enorm profitieren – während des Studiums und weit darüber hinaus.

DP: Welche Fernseh- oder Streaming-Formate gucken Sie selbst leidenschaftlich?

Jennifer Mival: Im Non-Fiction-Bereich schaue ich querbeet durch alle Genres auf der Suche nach Formaten, die Impulse setzen und denen es gelingt, mich mit einer gewissen Leichtigkeit zu unterhalten und zu inspirieren. Das fand ich zuletzt in Deutschland unter anderem bei „Chez Krömer“ (RBB) und „Wer stiehlt mir die Show?“ (Pro7) oder bei Formaten meiner ehemaligen Netflix-KollegInnen wie „Queer Eye“, „The Last Dance“ oder „Love is Blind“. Aber auch die Rohschnittfolgen von „Das Hausboot“ (seit 9.3. bei Netflix) habe ich leidenschaftlich gern gesehen, weil die beiden sich so authentisch gezeigt haben, wie sie sind. Da hat sich Job und Privates auf schöne Weise vermischt. Im Fiction-Bereich lasse ich mich gerne in fremde Welten entführen, wie es den Fiction-Serien „Unorthodox“ oder „Bridgerton“(beide Netflix) zuletzt auf ganz unterschiedliche Weise gelungen ist.