Ungarns Filme dürfen kritisch sein

Berlinale-Siegerin Ildikó Enyedi zeigte »On Body and Soul« an der ifs
 

Kölnische Rundschau, 14.03.2017

Ildikó Enyedi, filmschule
Als nächstes dreht Ildikó Enyedi mit Pandora-Film aus Köln das Werk »Tagebuch eines Baumes« © Geiser (Kölnische Rundschau)

Für die 66 Erstsemester an der Internationalen Filmschule Köln war es schon ein besonderer Einstieg in ihren Bachelorstudiengang Film. Keine Geringere als die Gewinnerin des »Goldenen Bären« der diesjährigen Berlinale, die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi, war an die ifs gekommen, um ihren Preisträger »On Body and Soul« vorzustellen.

In einem Budapester Schlachthof kommen sich die autistische Qualitätskontrolleurin Maria und ihr älterer Chef Endre näher, weil sie unabhängig voneinander denselben Traum träumen: als Hirschpaar streifen sie durch den verschneiten Wald.

Schlachthof-Alltag und poetische Träume

Diese harmonischen Bilder kontrastiert Enyedi mit der Routine im Schlachthof: »Mir ging es um einen ganz normalen Arbeitsplatz. Deshalb habe ich meinen Ausstatter gebeten, einen modernen, cleanen und gut organisierten Schlachthof auszuwählen. Dort können die Rinder das Töten ihrer Artgenossen nicht sehen. Aber sie spüren es, und in ihren Augen spiegelt sich die Angst vor dem Tod.«

Sieht sie sich da in der Tradition des großen Humanisten Robert Bresson, der in »Zum Beispiel Baltasar« der geschundenen Kreatur Tier ein Denkmal gesetzt hat? »Irgendwie ist da schon eine Seelenverwandtschaft. Aber es ging mir nicht nur um den ewigen Kreislauf Geburt, Leben, Tod. In der Beziehung der beiden Protagonisten geht es auch um Transzendenz, religiöse Rituale und eine Art Trauerarbeit der Liebe.« Dieses Ineinandergreifen von surrealer Poesie und »dokumentarischer« Genauigkeit hatte wohl auch die Jury in Berlin überzeugt.

Nach der »Camera d’Or« 1989 in Cannes für ihr Spielfilmdebüt »Mein 20. Jahrhundert«, das später zu einem der besten ungarischen Filme aller Zeiten gewählt wurde, folgten bis 1999 nur drei weitere Spielfilme. Die 1955 geborene Ildikó Enyedi, die über die Malerei und das Schreiben zum Film gekommen war, unterrichtete fortan an der Budapester Kunsthochschule »Film-Regie«.

Sieben von ihr konzipierte Projekte kamen leider nicht zustande. 2012 kehrte sie dann hinter die Kamera zurück, drehte bis 2014 für HBO die 37-teilge TV-Serie »Terápia«. »Da war ich erst einmal skeptisch, weil es meine erste Auftragsarbeit war. Aber da in der Crew nur Kino-Leute waren und wir genug Zeit zum Proben hatten, war es eine wunderbare Erfahrung. Außerdem habe ich dabei auch den Kameramann Máté Herbai kennengelernt, der jetzt in “On Body and Soul” mit seinem minimalistischen Stil und seiner atmosphärischen Lichtsetzung die Szeneninhalte so wunderbar sensibel umgesetzt hat.«

Die ungarische Kinolandschaft, die in den 60er bis 80er Jahren mit Regisseuren wie István Szabó, Márta Mészáros und Niklós Jancsó ihre Blütezeit hatte und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in Bedeutungslosigkeit versunken war, hat sich Dank einer neuen Generation junger Filmemacher wieder erholt.

Der Oskar für »Son of Soul« 2015 war der verdiente Lohn. Ein wenig erstaunt es schon, dass der Film unter dem autoritären Regime von Ministerpräsident Viktor Orbán wieder aufblüht, dessen Korruption ja auch in »On Body and Soul« wie beiläufig thematisiert wird.

»Interessanterweise ist unser Filmfonds der transparenteste Platz im ansonsten korrupten System. Wenn die Fördergremien “Ja” sagen, bekommt man genug Geld, um das Projekt nach seinen Vorstellungen zu verwirklichen. Und es gibt keine Zensur«, wundert sich auch Ildikó Enyedi. »Man kann sogar mit den Filmen gegen das System kämpfen.«

Als nächstes steht ein noch mit dem mittlerweile verstorbenen deutschen Produzenten Karl Baumgartner vereinbartes Projekt an: »Tagebuch eines Baumes«. Ein Spielfilm, in dem der Baum der Hauptdarsteller ist und den sie mit der Kölner Pandora-Film realisiert. Nicht der einzige Grund, in die Domstadt zurückzukehren: Ihr Sohn studiert hier am Cologne Game Lab.

von Rolf-Rüdiger Hamacher