Wenig Mut zum Risiko

Das deutsche Fernseh setzt auf im Ausland bewerte Shows, aber das soll sich ändern. Mit einem Unterhaltungsvolontariat wollen die Produktionsfirmen Talente aufbauen.

von Tillmann P. Gangloff (epd)

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Stell dir vor, es ist Showtime, und keiner geht hin: Das ist nach wie vor trister Alltag bei den großen Unterhaltungssendungen. Viele Shows wurden daher abgesagt, ProSieben hat „The Masked Singer“ allerdings im Frühjahr nach einer coronabedingten Unterbrechung unverdrossen fortgesetzt. Der Applaus kam vom Band. Die Show war im vergangenen Jahr ein großer Überraschungserfolg, auch in diesem Jahr hat sie dem Sender wieder Topquoten beschert. Das Konzept ist ziemlich einfach: Verkleidete Prominente mit Gesangstalent geben bekanntes Liedgut zum Besten, eine Jury soll erraten, wer sich unter den fantasievollen Masken verbirgt, und das TV-Publikum kürt den Sieger.

Auf solche Ideen muss man allerdings erst mal kommen, und tatsächlich hat die Show mit anderen Erfolgsformaten wie „Deutschland sucht den Superstar“ („DSDS“) oder dem Tanzwettbewerb „Let’s Dance“ gemeinsam, dass keine dieser Shows in Deutschland entwickelt wurde. Aus Sicht des Publikums spielt die Herkunft eines Show- oder Quizkonzepts zwar keine Rolle, doch es fällt auf, dass das hiesige Unterhaltungsprogramm von Importen geprägt ist.

Das deutsche Fernsehen ist anscheinend kein guter Nährboden für Formatkonzepte. Dafür gibt es zwei Erklärungen. Zum einen seien hohe Investitionen nötig, um ein Konzept auf Serienreife zu trimmen, erläutert Ute Biernat, Geschäftsführerin der Ufa-Tochter Show & Factual, die unter anderem „DSDS“ und „Das Supertalent“ produziert: „Jede Entwicklung, jede Pilotsendung kostet natürlich erst mal; und manchmal bleibt es auch nicht bei nur einem Piloten. Es wird getestet und getestet.“ Deutsche Sender seien noch lange nicht so weit, „dass Entscheider auch mal ein Wagnis eingehen, ohne sich auf Marktforschung und Zahlen zu verlassen“. RTL-Unterhaltungschef Kai Sturm sieht das ähnlich: “In Deutschland hat sich ein gewisses Misstrauen in Bezug auf Konzepte entwickelt. Für TV-Macher ist es leichter, anhand einer visuellen Umsetzung Entscheidungen zu treffen.” So kommt das Originalformat von „The Masked Singer“ aus Südkorea, aber seinen Weg nach Deutschland fand es erst, als es mit Erfolg in den USA adaptiert wurde.

Sturm spricht aber auch von traditionellen Vorbehalten in der Fernsehbranche: „Es gibt bei uns quer durch alle Bereiche eine tiefe Kluft zwischen ernsthafter und unterhaltender Kultur, natürlich auch im Fernsehen.“ Deshalb sind Unterhaltungskonzepte in Deutschland von Anfang an importiert worden, allen voran der Klassiker „Was bin ich?“, der 1955 aus den USA eingeführt wurde.

Es kostet viel Geld, große Filme oder Shows zu produzieren. Auch wenn die Ideen manchmal ganz einfach sind: Frank Elstner genügten 1980 ein Küchentisch und eine Flasche Wein, um in einer schlaflosen Nacht „Wetten, dass..?“ zu erfinden.

Und so langsam scheinen sich die Zeiten zu ändern, wie ein Blick in die Programme jenseits von RTL zeigt: Es gibt Eigenentwicklungen zuhauf. Bei ProSieben sind dies aktuell „Schlag den Star“, „Das Duell um die Welt“ oder „Joko & Klaas gegen Pro Sieben“, bei der ARD „Wer weiß denn sowas?“, „Klein gegen Groß“ oder „Quizduell“, beim ZDF „Der Quizchampion“, „Da kommst Du nie drauf “ oder „Bares für Rares“.

Produzentin Biernat sagt, der internationale Markt sei abgefischt. Außerdem habe sich in Deutschland ein neues Selbstbewusstsein entwickelt, weil sich deutsche Formate mittlerweile auch ins Ausland verkaufen ließen. Tatsächlich versucht die deutsche Produzentenallianz im Rahmen ihrer Initiative für Qualifikation (PAIQ) seit einigen Jahren, eigene Talente in der Unterhaltungsbranche aufzubauen. Das duale Entertainment-volontariat E!Volo ist speziell auf die Entertainment-Branche zugeschnitten. Es kombiniert Theorie in Form einer insgesamt dreißigtägigen Seminarreihe in Köln und Praxis beim jeweiligen Arbeitgeber.

Die Berufsanfänger sind für die Dauer des zweijährigen Volontariats bei einem Produktionsunternehmen angestellt. Die Seminare sind in enger Zusammenarbeit mit den Mitgliedern der Sektion Unterhaltung der Produzentenallianz entstanden. Die 14 Module decken von der Ideenentwicklung über die Zusammenstellung des „perfekten Casts“ bis hin zu Finanzierungsfragen, Postproduktion, Marketing und Medienrecht alle denkbaren Bereiche ab. Die Kosten der Seminare übernimmt der Arbeitgeber.

Nach Angaben von Paiqgeschäftsführerin Juliane Müller haben mittlerweile rund 90 Showtalente das erstmals 2012 angebotene Volontariat durchlaufen. Weil die Produzentenallianz dies nicht erhoben hat, kann Müller nicht sagen, ob die Teilnehmer tatsächlich in der Entertainment-branche Karriere gemacht und eigene Formate entwickelt haben. Doch immerhin, berichtet sie, wurden mehr als 90 Prozent nach dem Volontariat von den Produktionsunternehmen übernommen.

Und auch die Internationale Filmschule Köln hat den Bedarf an Talenten für die Unterhaltungsbranche erkannt: Ab Ende Oktober bietet sie erstmals eine berufsbegleitende Weiterbildung zu Entertainment-Programmen in Fernsehen und digitalen Medien an. Das Programm wird gefördert von der Landesregierung Nordrhein-Westfalen und der Film- und Medienstiftung NRW.